Kapitel 19

Jeder Tatortreiniger würde vor Neid erblassen. Dämonen verwischen ihre Spuren schnell und effizient. Nichts im Treppenhaus deutet daraufhin, dass ein Kampf stattfand. Kai mit Putzutensilien stellt sich Skyla zu ulkig vor. Der Bär schlüpfte bereits in viele quirlige Rollen, wie mit seinem Arztkoffer, als ein Feuerdämon ihre Hand verbrannte, aber sich ihn im Outfit eines Tatortsreinigers vorzustellen sprengt das Maß. Ihre Dämonen mögen präsent sein und doch macht Skyla keinen von ihnen aus, obwohl sie ihre Anwesenheit und ihre wachsamen Blicke aus dem Hintergrund spürt. Vielleicht stecken sie im Schleier. Eine Passage zwischen zwei Realitäten. Die Eingänge zur Geisterwelt sind näher, als sich so manch einer wünscht.

Langsam gleiten Lukas‘ Finger über ihre Hand und verbindet diese miteinander. Unsicher, wie sein Blick zeigt. Skyla hält ebenfalls den Atem an und überlegt, ob dies in Anbetracht zu ihrer Beziehung mit Milan angemessen wäre. Alles verkompliziert sich. Nie verschwendete Skyla je einen Gedanken über solche Dinge, denn sie hält mit Lukas seit ihrer Kindheit Händchen. Es war immer selbstverständlich. Da von ihrer Seite kein Widerstand folgt, gewinnt sein Blick an Fokus.
„Tessa sollte nicht allein sein. Wir sollten zu ihr.“
Wie zu erwarten! Lukas behält einen kühlen Kopf und denkt voraus. Ihre Gefühlswelt befindet sich noch immer außer Kontrolle. In ihr tobt immer noch ein Sturm aus so vielen unterschiedlichen Emotionen, dass ihr Kopf anderweitig beschäftigt ist. Entkräftet von den Strapazen schafft sie es nur zu einem Nicken und lässt sich brav zurück auf Station führen. In der Hoffnung, Tante Mary nicht erneut zu begegnen. Hoffentlich wurde sie bereits zur Leichenhalle gebracht und findet ihren ewigen Frieden. Ihr Kind befindet sich schließlich in guten Händen. Mama Kacie ist schließlich bei Naru und wird wie eine Löwin kämpfen. Sie mag ihre Tochter verstoßen, aber Marys Nachwuchs wird sie behüten – daran zweifelt Skyla nicht.

Wachsam gleitet Skylas Blick durch die Station. Ein jeder Anwesende wird kritisch von ihr beäugt. Ob Patient, Gast oder auch Mitarbeiter könne dem Ritterorden angehören. Die Ohren bleiben gespitzt und so entgeht Skyla nicht, dass die tote Kollegin bereits vermisst wird. Noch ärgern sich die Leute über diese Tatsache, bis ihnen der Ernst der Lage bewusst wird. Ihre Kollegin ist fort. Für immer. Alles nur, weil sie Zeugin eines Angriffes wurde. Falscher Ort, falsche Zeit…



Das Namensschild einer Schwester lässt Skyla scharf die Luft einziehen. Zuerst verlangsamen sich ihre Schritte und dann stoppt ihr Körper direkt vor dem Schalter. Lukas mag sich verwundert umdrehen und doch schenkt Skyla ihm keine Beachtung. Sie blickt einem weiteren Ungetüm direkt in die Augen. Die Ähnlichkeiten zu Tanja Rose ist verblüffend. Die blonde Frau blickt von ihrer Bürotätigkeit auf und kaum erfassen ihre dunklen Augen die Besucherin, zeichnet sich ein teuflisches Grinsen in deren Gesicht ab.
„Mia Rose. Etwa verwandt mit Tanja Rose?“
Skyla klingt leiser als erhofft. Ängstlicher, als sie wollte.
Die blonde Dame wirkt nur wenige Jahre älter als Tanja und doch blickt sie genauso diszipliniert und künstlich.
„Oh sieh an, Sie kennen meine Schwester. Woher, wenn ich fragen darf?“
„Schwester.“
Skyla keucht und taumelt rückwärts. Direkt in die Arme von Lukas. Die Welt um sie herum beginnt sich zu drehen. Zum Glück übernimmt Lukas das Gespräch.
„Wir sind auf der Suche nach den Angehörigen von der kürzlich verstorbenen Dame namens Mary.“
Mia Rose bekommt das böse Lächeln nicht weggewischt und schwenkt den Kopf unauffällig zum Besucherbereich.
„Ist meine Tante noch auf ihrem Zimmer?“
Diese Frage kostet Skyla unfassbar viel Mühe. Eigentlich wollte sie Tante Mary nicht wieder sehen, aber die Zustände haben sich geändert. Mia Rose gehört höchstwahrscheinlich zum Orden, womit ihr zu viele Möglichkeiten offen stehen. Tante Mary steht eine ordentliche Bestattung zu. Prunkvoll. Wenn ihre Leiche verschwindet, können sich all die andern Familienmitglieder nicht vernünftig von ihr verabschieden. Außerdem kann Mia Rose als Krankenschwester zu Naru. Jederzeit!

„Ich bedaure, aber das Zimmer wurde bereits geräumt.“
Kalter Schweiß bricht aus Skylas Poren. Sorgenvoll dreht sie sich zu Lukas, der seinen strengen Blick von Mia Rose löst und Skyla vom Schalter fern zieht. Sein Arm liegt dabei bestimmend und eng um sie. Was ihr in dem Moment sogar gelegen kommt, denn so kann sie flüstern.
„Lukas, das ist nicht gut!“
„Ich weiß. Wir sollten Sina mit deinem Onkel losschicken und wir schauen nach deinem Cousin.“
Das klingt nach einem guten Plan.
„Nehmen wir Tessa mit?“




„Unbedingt.“
Lukas‘ Entschlossenheit lässt ihn mehr wie einen Helden wirken. Auch ohne Superkraft scheut er nicht vor der Gefahr zurück. Skyla bewundert ihn dafür und wünscht sich gleichzeitig, genauso gefasst sein zu können.

Tatsächlich befinden sich alle im Besucherbereich. Tessa steht zurückgezogen an einem Fenster, von wo sie mit Tränen in den Augen in die Leere starrt, während Sina dem Wittwer Trost spendet. Skyla wechselt mit Lukas einen Blick und schon teilen sich die beiden Freunde kurz auf. Während er Sina ansteuert, übernimmt Skyla ihre Cousine. Feingefühl war noch nie ihre Stärke, daher konfrontiert sie Tessa mit den knallharten Fakten.
„Hey, ich weiß, dass kommt jetzt überstürzt. Aber ich bitte dich, mir zu vertrauen. Wir alle sind in großer Gefahr. Besonders dein Bruder. Lukas und ich wollen nach ihm schauen und zu deiner eigenen Sicherheit, solltest du uns besser begleiten.“
Tessas apathischer Zustand lässt Skyla im Ungewissen, ob die Botschaft ankam. Nur kurz übt sich Skyla in Geduld, schließlich tritt sie beunruhigt näher heran. In diesem Moment dreht sich Tessa tatsächlich zu ihr. Mit ausdrucksloser Miene und verschränkten Armen. Ein Anblick, den Skyla ganz nervös macht.
Maßlos überfordert ringt Skyla nach den richtigen Worten: „Ich weiß, der Zeitpunkt ist ungünstig, aber…“
„Gehen wir!“
Der Zorn flammt in Tessa. Nicht zu übersehen. Dieses bockige Verhalten hat Skyla zu Genüge bei ihrer Cousine gesehen. Immer dann, wenn Tessa etwas nicht passt und sie die Welt für alles verantwortlich macht.

Ein Blick zu Lukas zeigt, dass Sina ihre Zweifel hegt. Sie diskutiert leise mit ihm, bis sie Skyla ausmacht. Ein Wirbelwind wie sie gibt Skyla keine Chance, auszuweichen. Die Foodbloggerin schmeißt sich auf ihre Gleichgesinnte und drückt sich ganz fest.
„Das ist irre, Skyla! Ich bin keine Kämpferin! Wir sollten zusammen bleiben…“
„Sina!“ Skyla reißt sich los und hält ihre neue Freundin entschlossen ein Stück von sich. „Vertrau, Lukas! Er ist unfassbar klug und behält einen kühlen Kopf. Er glaubt an dich.“
Doch Sina seufzt und verzieht ihr Gesicht. Sie schüttelt flehend ihren Kopf.
„Er unterschätzt die Gefahr. Wäre doch nur Mason hier.“




Mason! Er könnte tatsächlich helfen.
„Ruf ihn an.“ Damit wendet sich Skyla zum Gehen ab. „Entschuldige mich bitte, Sina.“

Eine so liebe Seele wie Onkel Hendrik sollte von ihrer Anteilnahme wissen. Daher begibt sich Skyla schweren Herzen zu dem Mann der Wissenschaft. Ein engagierter Astronom, der Mary abgöttisch liebte. Ein wahrer Romantiker, wie er gern auch im Kreise der Familie mit dichterischen Zeilen und kleinen Gesten zeigte. Onkel Hendrik weint wie ein Schlosshund. In seinen Händen hält er sein Hochzeitsbild. Ein Griff in die Tasche und Skyla hält im nächsten Moment eine Packung Taschentücher in der Hand. Wortlos überreicht sie diese. Ihr Onkel dankt ihr mit angeschlagener Stimme und wendet sich kurz ab, um all den Rotz loszuwerden.

„Mein aufrichtiges Beileid, Onkel Hendrik. Tante Mary war eine wundervolle Person. Voller Liebe und Leidenschaft.“
„Das war sie.“ Er nickt eifrig und lächelt kurz sehnsüchtig, bis ihm seine Umgebung auffällt und die Trauer erneut heimsucht. „Sie sagen, dass Schwangere ein erhöhtes Risiko haben, an einer Influenzavirusinfektion zu sterben. Wir hätten es ab dem trockenen Reizhusten und den Muskelschmerzen handeln müssen. Wir können froh sein, dass es dem Kind gut geht. Mary war der hellste Stern meines Lebens und sie wurde mir aufgrund einer Grippe genommen! Wir haben uns so auf das zweite Kind gefreut! Bitte kneife mich und sag mir, dass dies ein schlechter Traum sei!“
Seine Gefühlswelt kann Skyla gut nachvollziehen. Auch sie wünscht sich so oft, sie könne einfach erwachen und zurück in ihr altes Leben kehren. Ein wahres Wunschdenken. Skyla weiß es nicht besser und legt ihm die Hand kumpelhaft auf die Schulter, mit einem reumütigen Blick, den ihr Onkel dazu auffordert, sie zu umarmen.
Zeit, die sich Skyla nehmen muss und wird. Onkel Hendrik nickt am Ende dankbar und beschließt: „Dein Vater sollte in Kenntnis gesetzt werden.“
Auf keinen Fall!
Er würde sofort alles stehen und liegen lassen, um zum Krankenhaus zu kommen. Damit wäre der Nächste in Gefahr. Skyla muss schnell handeln.
„Ich kümmere mich darum.“
Zum Glück gibt Onkel Hendrik sich damit zufrieden und sucht sogar Rat bei ihr: „Glaubst du, ich hätte mich bei Mary durchsetzen sollen? Ich habe ihr geraten, zum Arzt zu gehen. Aber sie sagte, es wäre nur eine einfache Erkältung und es wird schon wieder.“




Skyla belächelt den Gedanken und erinnert ihn: „Wir reden hier von Oma Ulrikes Kinder. Einer sturer wie der andere. Und hey, ich bin auch nicht besser. Glaubst du wirklich, du hättest Tante Mary überreden können?“
Ihr Onkel seufzt und doch ändert sich nichts an seiner Meinung: „Ab und zu lag es in meiner Verantwortung, Mary zu bremsen. Nur fehlte mir die Kraft und der Mut, mich durchzusetzen. Ein Fehler, der mit teuer zu stehen kam.“
„Tante Mary würde nicht wollen, dass du dich so grämst. Sie würde wollen, dass deine ganze Energie deinen Kindern nun gilt. Tessa und Naru brauchen dich und da kommen wir schon zum nächsten Punkt, denn ich würde gerne Naru aufsuchen. Mit Tessa gemeinsam. Vielleicht findet sie Trost bei ihrem Bruder.“
Stolz tätschelt er ihr über den Kopf und gönnt sich einen tiefen Atemzug. „Ich danke dir, Liebes. Trotz der Anspannung zwischen euch gibst du dir so viel Mühe, das schätze ich sehr.“
Wie kann ein verzogenes Gör wie Tessa nur so liebe Eltern haben? Es ist Skyla ein Rätsel.

Bevor sie verduftet, holt er eine Spieluhr aus seiner Aktentasche. Ein gelber Halbmond, wo ein schlafender Hund draufsitzt. Plüschig weich und total niedlich.
„Naru soll sich auf der Intensivstation für Neugeborene befinden, deine Mutter leistet ihm Gesellschaft.“
Die Intensivstation!
Skyla graut es und doch wird sie jenen Ort aufsuchen, selbst wenn es zur Konfrontation mit ihrer Mutter kommen wird. Die Hoffnung ist groß, dass die Situation nicht eskaliert…

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