Kapitel 21
Für gewöhnlich würde Skyla ihrer Cousine brav hinterher trotten, aber auf dem Boden zeichnen sich blutige Fußspuren ab. Die eines Kindes. Skyla schluckt und folgt der Spur in ein Krankenzimmer eines kleinen Mädchens. Eine kleine Brünette angeschlossen an sämtliche lebenserhaltende Gerätschaften. Selbst eine künstliche Beatmung scheint notwendig zu sein. Ihre karamellfarbenen Augen starren in die Leere und wirken fern. Die Fußspuren führen Skyla zu dem Bett der Kleinen. Erschüttert nähert sich Skyla dem Kind. Aus Sorge, die Patientin wird von etwas Bösem heimgesucht. Sie könnte Opfer eines paranormalen Angriffes sein.
Die Begegnung des Alptraumes sucht Skyla bis heute heim. Ein fürchterliches Wesen, das auf Skyla übersprang und sie mit ins Krankenhaus brachte. Die Ärzte schätzten die Situation falsch ein und stellten sie mit Beruhigungsmittel ruhig. Vielleicht geht es dem Kind ähnlich. Vielleicht kann Skyla helfen. Anders als damals ist sie nicht mehr hilflos. An ihrer Seite befinden sich Dämonen und somit bieten sich viel mehr Möglichkeiten.
„Kai…“
Der Rest bleibt ihr im Hals stecken, denn sie entdeckt einen Beobachter. Unter den langen Gardinenstoff blicken blutige Füße hervor. Eine Gestalt verbirgt sich am Fenster und kann nur deshalb nicht ausgemacht werden, weil der orange Stoff dick genug ist, um sämtliches Licht zu verschlucken. Skyla fasst sich ans Herz und nähert sich langsam dem Beobachter. Schritt für Schritt. Die Gestalt rührt sich kein Stück. Aber sollte die Anatomie einem Menschen ähneln, müsste das Wesen mit dem Gesicht zu ihr blicken, wenn man nach der Ausrichtung der Füße geht.
„SKYLA!“
Tessa Ruf lässt das Herz schreckhaft zusammenziehen. Ihre Cousine stürmt hinein. Verärgert klammert sie sich am Türgriff, um im nächsten Moment hinausgedrückt zu werden. Eine junge Frau schreitet schnaubend hinein. Der Kittel und die Aufschrift sprechen für eine Ärztin. Glühend huschen die dunklen Augen zum Fenster rüber. Die schwarzen Haare sind hochgesteckt und verleihen der Dame eine zusätzliche Strenge. Sämtliche Distanz wird in Kürze überwunden. Skyla erschnüffelt den starken Duft von Desinfektionsmittel, als die Ärztin nur wenige Zentimeter vor ihr zum Halt kommt.
„Ich vermute mal, dass sie keine Angehörigen von Nadine sind oder?“
„Nadine“, wiederholt Skyla überrascht und erschaudert bei dem Geräusch, als sich die Gardine hinter ihr fortschiebt. Etwas tritt näher heran. Die Füße klatschen auf den Boden. Skyla ist im Inbegriff, sich umzudrehen, da packt die Ärztin zu und zerrt Skyla kompromisslos hinaus dem Zimmer.
„Meine Cousine hat sich bei der Zimmernummer vertan. Wir wollen doch nur zu meinem Bruder Naru.“
Tessas Einmischung fruchtet, denn die Ärztin stoppt abrupt und ihr Griff um Skylas Arm löst sich. Ihre Wut verfliegt augenblicklich. Still und mit hinunterfallenden Mundwinkeln tritt sie von Skyla fern, um dann den Kopf zu senken.
„Mein herzliches Beileid…“
„Nein!“ Der Boden droht unter Skylas Füßen zusammenbrechen. Zusammengekauert sinkt sie hinab und kämpft gegen die Tränen. „Das ist nicht wahr!“
Die Ärztin kniet zu ihr hinab und gibt ihr Halt. „Bitte verzeihen Sie, aber hier liegt ein Missverständnis vor. Naru ist nicht fort. Er ist in guten Händen, schwebt aber noch in Lebensgefahr. Meine Beileidsbekundung gilt eher dem Verlust seiner Mutter.“
Kurz erlaubt sich Skyla, aufzuatmen, bis sie die Dame wiederholt: „Er schwebt noch in Lebensgefahr?“
Ihr Gegenüber nickt und hilft ihr auf. Die Ärztin übernimmt die Führung und steuert Nadines gegenüberliegendes Zimmer an. Mit einem Klopfen tritt sie ein und Tessa mag ihr folgen, nur Skyla zögert. Denn sie erlaubt es sich, sich kurz umzudrehen. Aber das versteckte Wesen hinter der Gardine ist fort. Aber die Gefahr bleibt real und benachbart Narus vorübergehende Behausung.
Der plötzliche Aufruhr in Narus Zimmer weckt jedoch Skyla Neugier. Die Ärztin stürzt sich auf Skylas Mutter und verhindert eine Gräueltat.
„SECRUITY! SCHNELL!“
Der Notfallalarm wird gedrückt und von überall eilt Personal herbei, um die Ärztin zu unterstützen. Ein Küchenmesser schlittert über den Boden und kommt direkt vor Skyla zum Halt. Kacie windet sich schreiend im Griff der Ärztin.
„LASSEN SIE MICH LOS! TEUFEL BEFINDET SICH UNTER UNS! TEUFEL!“
Tessa presst ihre Hände an den Mund und läuft bleich rückwärts, woraufhin sie gegen einen mobilen Anästhesiewagen stößt und fast stolpert. Skyla handelt schnell und verhindert den Fall.
„Alles gut, Tessa?“
Doch ihre Cousine beobachtet stumm, wie Kacie aus dem Zimmer gezerrt wird. Eine Löwin wie sie wird nicht umsonst von Zuhause gefürchtet. Skylas Mutter reißt sich los, brüllt und ergreift die Flucht. Sie entkommt jenen Personen, die sich ihr in den Weg stellen.
Die schwarzhaarige Ärztin nähert sich dem offenen Inkubator und zum ersten Mal bekommt Skyla ihren Cousin zu Gesicht. Ein Frühchen. Klein und zerbrechlich. Die Haut ganz dünn und auffällig rot. Künstlich beatmet und weich gebettet. Die Augen sind noch geschlossen. Unbewusst nähert sich Skyla dem kleinen Kerl und trotz des Chaos beginnt sie zu lächeln. Er atmet! Dalika hielt Wort, das beweist der Fund außerhalb des Brutkastens, wo eine Tempelblume ruht. Ehe sich Skyla versieht, kullert ihr eine Freudenträne hinab, die sie eilig wegwischt.
„Willkommen im Leben, Naru.“
Die Ärztin dreht sich zu ihr um und mustert sie einen langen Moment. Prüfend und eine halbe Ewigkeit.
„Wo ist der Vater des Kindes?“, erkundigt sie sich schließlich.
„Wir bedauern, aber es gibt noch Einiges zu klären. Ich bin in seinem Auftrag hier und habe sogar ein Mitbringsel dabei.“
Wer von Narus Eltern auch die Spieluhr aussuchte, hat wahrlich Geschmack. Skyla erlaubt es sich, die sanfte Melodie zu entlocken und hält bei den ersten Klängen den Atem an. Die Melodie… eine sanfte Komposition von Tante Mary höchstpersönlich. Skyla erkennt die Klänge wieder. Die wenigen Stunden am Klavier. Das strahlende Lächeln ihrer Tante, die freche Art sie anzustupsen und mit ihr rumzualbern und der Schein der Sonne, der ihre Schönheit einfängt. Tante Mary war eine großartige Künstlerin. Eine ganz liebe Seele…
Die Spieluhr wird an die Ärztin weitergereicht und eilig wendet sich Skyla ab, um all die Tränen hinter dem hochgehobenen Arm zu verstecken. Das Lied erschüttert ihre Seele zutiefst. Doch die Ärztin bleibt verbissen und sucht Antworten. Diesmal bei Tessa.
„Wann können wir mit der Anwesenheit des Vaters rechnen?“
Tessa schüttelt jedoch entschuldigend ihren Kopf. „Ich weiß nicht.“
Ein Schnauben und schon wandert der Blick der Ärztin zwischen den beiden Mädels. „Wer war noch mal die Schwester von Naru?“
Zögernd hebt Tessa ihre Hand.
„Gut. Können Sie mit dem Begriff Känguruhen etwas anfangen?“
Tessa seufzt laut und schüttelt den Kopf bestimmend. „Nein! Also ja schon! Aber ich weigere mich! Das ist Aufgabe meines Vaters!“
„Der aber nicht gerade anwesend ist“, betont die Ärztin streng, „Der Hautkontakt unterstützt die Entwicklung von…“
„Mir egal!“
Damit ist für Tessa alles gesagt und sie wendet sich sogar zum Gehen ab. Nicht mit Skyla. Ehe sie sich versieht, packt sie unter Tränen zu und betrachtet ihre Cousine vorwurfsvoll.
„Ich bitte dich, Tessa. Naru kann nichts für die ganze Situation.“
Doch Tessa presst ihre Lippen zu einem dünnen Strich. „Ich wollte nie einen Bruder! Alles war perfekt und nun ist Mama tot! Mein Bruder kann mir gestohlen bleiben! Entschuldige mich, aber ich verkrümele mich zu Lukas!“
Skyla verzweifelt an Tessas Sturheit. So wie an ihre Lage. Naru ist auf all die Technik und Pflege angewiesen. Ihn einfach mitzunehmen ist ein Ding des Unmöglichen. Ihn aber im Krankenhaus zu lassen birgt ebenfalls ein Risiko. Tessa hält Wort und verlässt die Station, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Die Ärztin tritt nun behutsam auf Skyla zu.
„Bei allen Frühgeborenen wird ein Kopfultraschall gemacht. Wir müssen wissen, ob eine Blutung aufgetreten ist. Frühgeborene haben noch recht unreife Gefäße im Gehirn. Deswegen ist die Gefahr größer, dass dort Blutungen entstehen. Sie können bis zum Abend bleiben, dann muss ich sie leider nach Hause schicken. Es wäre gut, wenn man die Stimme des Vater oder vielleicht auch der Schwester auf einen Tonband abspielt. Vielleicht mag die große Schwester dem Kleinen etwas vorsingen oder eine Geschichte vorlesen, so können wir das Tonband immer wieder mal abspielen.“
Es klingt nach einem schlechten Scherz, denn sie wurde doch Zeuge von Tessas egoistischem Verhalten.
„Ich kläre das mit meinem Onkel. Seine Tochter wirkt jedoch weniger kooperativ.“
Ihr Gegenüber nickt und stellt sich nun mit einem Lächeln vor. „Nun gut. Erst einmal willkommen auf der Kinderintensivstation. Ich bin Dr. Herzlieb und begleite Narus Start ins Lebens, der zum Bedauern sehr tragisch und mit viel Stress verbunden ist. Von allen Besuchern scheinen Sie sich für Narus Wohl ehrlich zu interessieren. Daher meine unverschämte Bitte, aber schenken Sie ihm doch ein wenig Geborgenheit und Wärme. Es würde seiner Entwicklung positiv beeinflussen und den Stress lindern. Um ehrlich zu sein halte ich die Idee bei einem genaueren Blick für etwas in Ihrem eigenen Interesse. Denn Sie wirken aufgewühlt und etwas Kuschelzeit mit dem Kleinen könnte für Entspannung sorgen. Wir würden gerne auf die Eltern zurückgreifen, aber der Vater scheint sich etwas zu verspäten. Zugleich können Sie etwas Zeit vertrödeln, bis die Polizei eintrifft.“
Die Polizei! Das Messer! Mamas Worte! Was zur Hölle lief hier schief?
Fragen über Fragen. Eigentlich bleibt keine Zeit fürs Kuscheln mit Naru. Doch Skyla sehnt sich nach einer Pause und nickt. Jedoch hat sie einige Bedingungen!































































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