Kapitel 22
Pure Unsicherheit sucht Skyla bei den ganzen Schläuchen heim. Überfordert mit dem Umgang eines Frühchens kauert sie in einem Sessel. Oberkörperfrei. Winzig klein und dennoch aktiv liegt Naru zugedeckt auf ihrer Brust und strampelt mit seinen Beinen, als müsse er die geeignete Liegeposition finden. Seine Atmung wirkt jedoch auffällig, als bekomme er schwer Luft. Dr. Herzlieb hält Wort und führt Lukas hinein. Auch Tessa schien sie überreden zu können, denn ihre Cousine tritt als Letzte ins Zimmer. Ihr Blick häuft sich voll mit ungerechtfertigtem Hass auf ihren kleinen Bruder, dass Skyla sich Sorgen um die Zukunft macht. So bekommt sie Lukas vernarrten Blick erst einige Augenblicke später zu sehen.
„Das ist eine Ausnahme“, betont Dr. Herzlieb, „eine sehr große! Ich verstehe zwar noch immer nicht, warum Sie ein Kontaktverbot für Frau Rose und Anhang wünschen, aber ich halte Wort, sofern Sie den kleinen Naru wie versprochen umsorgen.“
Ein einfaches Nicken. Zu mehr ist Skyla nicht im Stande. Denn sie mag das Thema mit der Familie Rose nicht vertiefen. Zumal Naru nach den ganzen Strapazen Erholung statt weiterer Aufregung benötigt.
Mit Absprache der Ärztin schnappt sich Lukas einen Stuhl und macht es sich neben Skyla gemütlich. Er mag schweigen, aber sein Grinsen provoziert sie ungemein. Skyla funkelt ihn warnend an. Auch wenn eine Decke ihren Oberkörper versteckt und Lukas sie von klein auf kennt, entwickelt sie Scham.
„Du wirst sicherlich eine gute Mutter.“
Ein dummer Kommentar, der ihr Herz höher schlagen lässt. Besonders aus Lukas Munde. Selten fehlt ihr die Sprache zum Kontern.
„Ich weiß ja nicht!“, tönt es missbilligend von Tessa.
Lukas winkt genervt ab, auch Dr. Herzlieb muss ihr Senf hinzugeben.
„Entschuldigen Sie, aber unsere Patienten durchleben eine schwere Zeit. Bitte nehmen Sie Rücksicht auf ihre Lage und verschieben sie alle negativen Gespräche auf später. Aufregung können wir wahrlich nicht gebrauchen.“
Tessas darauffolgende Blick ist an Kälte kaum zu übertreffen, doch die Ärztin wirkt alles andere als eingeschüchtert. Mahnend hebt sie den Finger, bis sich ihr Pieper meldet und sie gezwungen ist, zu verduften.
„Bitte schließe die Tür, Tessa.“
Kaum wird Skylas Bitte erfüllt, sucht das Medium Rat bei ihren Schutzgeistern: „Kai! Agnar! Wir haben ein Problem. Wie schaffen wir Naru hier raus? Er scheint auf die Technik angewiesen zu sein. Selbst wenn wir ihn in diesem Kasten mit uns schleppen, fürchte ich, dass wir die nötige Versorgung nicht übernehmen können. Habt ihr Vorschläge?“
Der Dämonenbär löst sich von ihrer Tasche und gewinnt mit jedem weiteren Schritt an Größe. Tessa erstickt ihren Schrei augenblicklich hinter ihrer Hand und beobachtet den Dämon mit großen Augen.
„Kränklich und schwach ist der Wurm auf Eurer Brust. Ihr solltet…“
„Abgelehnt!“ Skylas Augen werden schmal. „Naru gehört zur Familie! Dalika hat ihn im Gegensatz zu dir gerettet! Wir nehmen Naru mit uns! Ohne Wenn und Aber!“
Der Bär seufzt frustriert. Nun meldet sich Agnar: „Ein Kokon aus meinen Spinnenweben könnte die Made behüten und wärmen.“
„Bezeichne Naru nicht als Made!“
„Menschen! Unfassbar schnell eingeschnappt!“, tönt es von Agnar.
„Wir können Naru nicht einfach mitnehmen“, spricht Lukas seine Bedenken aus.
„Wir können und wir werden. Hier liegt er auf dem Präsentierteller für den Orden!“, entgegnet Skyla.
„Und dann? Wo willst du Naru verstecken? Wir sind gar nicht auf ein Baby vorbereitet“, spricht Lukas seine Bedenken aus.
Ihr Kiefer versteift sich augenblicklich. „Würdest du ihn einfach hier zurück lassen?“
Lukas‘ Schweigen ist verdächtig, daher schwenkt sie den Kopf zu ihm rüber. Aber ihr Freund wirkt in Gedanken. Es ist Kai, der sich räuspert und mit einem Einfall kommt: „Ich könnte die Ärztin manipulieren. Gebt mir etwas Zeit und ich hypnotisiere sie. Dann kümmert Sie sich um den Transport und wird sich eine Zeit lang um Naru kümmern.“
„Eine Entführung“, hört Skyla daraus.
Ein widerlicher Gedanke. Doch bessere Alternativen fallen ihr nicht ein.
„Das würde aber auch bedeuten, dass ich dich bei Naru lasse, was mir für seinen Schutz gelegen käme.“
Kai verharrt inne, als befände er sich in einer Schockstarre. Die Räder rattern in seinem Kopf, als er plötzlich den Mund weit vor Entsetzen öffnet.
„Ihr wollt mich bei diesem Würmchen lassen?“
Freudig zucken Skylas Mundwinkel. Die Suppe hat er sich selbst versalzen. Doch zu einem hitzigen Schlagabtausch wird es nicht kommen, Grund dafür ist die schwebende Spieluhr neben Skyla. Kritisch beäugt sie diese. Das fehlende Kribbeln in den Fingern macht sie misstrauisch. Die Schnur wird per Zauberhand gezogen und Tante Marys Komposition dringt an ihr Ohr. Wachsam wandert Skylas Blick zu ihrer Cousine, deren Beine den Dienst versagt haben. Tessa kauert mit ungläubiger Miene am Boden und Lukas wirkt noch immer in Gedanken. Ihm mutet sie keine medialen Fähigkeiten zu, daher fixieren ihre Augen Naru an. Dieser liegt mit dem Kopf zur Spieluhr gerichtet und Skyla sieht seine Fingerbewegungen, als wolle er das schwebende Objekt ergreifen.
„Kai! Agnar! Bitte sagt mir, dass ich mich irre! Besitzt Naru die gleichen Fähigkeiten, die ich nutze?“
Die Stimme zittert. Hoffentlich liegt nur ein großer Irrtum vor. Kai springt hinauf und begutachtet den Kleinen aus nächster Nähe. Da reißt es ihn schlagartig um und der Bär wirbelt hinauf zur Spieluhr, als ließe ihn die Erdanziehungskraft im Stich.
„Hey! Lass mich runter, Würmchen!“
Kai mag mit Naru schimpfen, aber Lukas hat einige Fragen.
„Sind diese Fähigkeiten vererbbar?“
„Meine Großeltern sind beide Mediums. Anscheinend wurden ihre Kinder übersprungen. In Tessa und Ramona könnte dieser Fluch ebenfalls schlummern. Ich habe keine Ahnung, wie das Erwachen stattfindet. Bei mir trat es erst letztes Jahr ein. Aber Naru ist doch gerade erst ein paar Stunden auf der Welt.“
Skyla verzweifelt und blickt unbewusst zu Tessa, die aufmerksam lauscht. Ihre Cousine scheint nicht in der Verfassung zu sein, über solche Thematiken zu sprechen. Es hat ihr regelrecht die Sprache verschlagen, dabei wünscht sich Skyla so dringend einen Austausch mit ihr. Oder mit Oma Ulrike. Jemand aus der Familie, der betroffen von dem Ganzen ist.
„Ich bin neidisch“, gesteht Lukas ihr mit funkelnden Augen, „ich wünsche mir so sehr, ebenfalls mit einer Gabe gesegnet zu sein.“
„Lukas!“ Bewusst greift sie auf einen strengen Ton zurück. „Verstehst du auch nur ansatzweise Narus Lage? Dieses Kind hat seine Fähigkeiten nicht im Griff und hier auf der Station gibt es zu viele mögliche Augenzeugen. Er wird auffallen und die Ritter werden ihn schnell finden und beseitigen. Sein Leben endet womöglich viel zu früh! Alles nur wegen dieses dummen Fluchs!“
Aber Lukas behält weiterhin einen kühlen Kopf. Ihre Sorgen lassen ihn nicht aus der Ruhe bringen, wie sein nächster Vorschlag zeigt: „Ich verstehe das Problem. Es war auch nicht meine Absicht, dich glauben zu lassen, Naru im Stich zu lassen. Nur erweist sich seine Verlegung als eine große Hürde mit all der Technik. Zumal die Aufsichtspflicht deinem Onkel gebührt. Du kannst ihn nicht aus seinem vorbestimmten Umfeld ziehen. Das Haus meines Vaters mag vielleicht groß sein, aber ich kann ihm nicht deine ganze Familie aufbürden. Verstehst du das? Was hältst du davon, wenn wir Sina mit einbeziehen. Sie könnte einen Artikel über Narus tragische Geschichte aufsetzen, damit würde sie viel Zeit bei deinem Onkel verbringen und hätte gleichzeitig ein Auge auf ihn.“
Ein wichtiger Punkt geriet in Vergessenheit. Skyla konnte keinen vor Ort über die nächsten Schritte aufklären. Dafür passierte zu viel in Kürze. Etwas, was sie nun nachholen wird. Ein tiefer Atemzug und Skyla fixiert zuerst Lukas an und schaut schließlich rüber zu Tessa.
„Ihr müsst mir nun gut zuhören. Denn ich habe etwas in die Wege geleitet. Ein kleines Angebot, das euer Leben verändern wird. Aber vorher brauche ich Gewissheit. Agnar? Werden wir belauscht?“
„In der Tat haben wir einen Zuhörer.“
„Verdammt! Ein Ritter?“
„Nein. Ein Geist.“
Skyla seufzt und hinterfragt ihre Vermutung: „Aus Nadines Zimmer?“
„Im Flur wacht eine neugierige Seele. Klein, verzweifelt und ängstlich. Leichtes Futter.“
Agnar sabbert, das ist nicht zu überhören. Und kaum spricht er zu Ende, entfernen sich eilig Schritte aus dem Flur und eine Tür knallt von dort zu.
„Du hast dem Kind Angst gemacht.“ Kai landet mit einem Sprung auf dem Boden und schüttelt sich. „Pah! Dieser kleine Wurm unterschätzt mich! Und aufpassen soll ich auch noch auf den!“
„SKYLA!“ Tessa klingt panisch. „DU …du machst mir Angst! Was ist das hier? Dieses Gerede von Geister und Fähigkeiten! Was passiert hier?“
Eine Abartigkeit wie Kai reagiert auf äußere Schönheit und setzt sein charmantestes Lächeln auf. Einfach nur widerlich. Dabei hat Tessa die Wahrheit verdient und ihr volles Augenmerk sollte dem Gespräch zu ihr gelten, aber ihr schmieriger Schutzgeist lässt sich kaum ausblenden. Zumal er zu Tessa schreitet, ungeachtet, als sie von ihm fort rutscht. Skyla nennt ihn mahnend, doch die dämonische Plüschwatte blendet sie gekonnt aus. Das war so etwas von klar! Tessas Schönheit lockt viel Ungeziefer an.
„Lukas, könntest du Kai schnappen. Hau ruhig drauf, wenn dir danach ist.“
Ihr Freund belächelt den Gedanken mit Sorge. „Ich soll einen Dämon schlagen? Kommt mir das auch nicht teuer zu stehen?“
„Nein, denn er steht unter meiner Kontrolle.“
Lukas erhebt sich tatsächlich, auch wenn sein Blick auf ihr ruht. „Mutig, Skyla. Kam dir nie in den Sinn, mit welcher höheren Macht, du dich eigentlich anlegst?“
„Nie“, spricht die Überzeugung aus ihr.
Er seufzt laut, behält seinen Gedanken aber für sich, dabei würde Skyla nur zu gern wissen, was alles in seinem Kopf rumgeistert. Mutig folgt er jedoch ihre Bitte und schnappt sich Kai kompromisslos. Jedoch hält er ihn auf Abstand. Er lässt den wütenden Kai weit ausgestreckt von seinem Körper baumeln, um ihn wie ein ekliges Insekt in den Brutkasten zu befördern. Viel zu sanft für Skylas Geschmack und doch macht es sie unfassbar stolz, wie er sich seinen Ängsten stellt.




























































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