Kapitel 23

Die Wahrheit wird von jedermann anders aufgeschnappt. Lukas steht wie Skyla auf Superhelden und Fantasywelten. Ihm fiel es leicht, Bezug zu Skylas neuen Leben zu finden. Tessa hingegen ist die Tochter eines Wissenschaftlers. Trotz kleiner Vorführung Skylas Macht blickt Tessa skeptisch. Sie wirkt verloren und spricht von Schizophrenie. Von Verlustängsten und dem verlorenen Bezug zur Realität. Ein beunruhigendes Bild. Dabei hatte Skyla große Hoffnung, Tessas könne durch die eigene Erfahrung mit dem Geist, der sie jagte, besser mit dem Thema umgehen. Lukas rät zur Geduld. Tessa bräuchte etwas Zeit, um sich mit allem anzufreunden.

In der Zwischenzeit bekommen sie Besuch von einem Krankenpfleger, der Naru zurück in den Brutkasten legt und ihn durch eine Magensonde mit spezieller Nahrung versorgt. Sowie das Antibiotika gegen die Blutvergiftung, woran Tante Mary verstarb. Wie in der Ausbildung beginnt Skyla alles Mögliche zu hinterfragen, um Narus Zustand besser zu verstehen. Trotz Personalnot auf der Station nimmt sich der Krankenpfleger tatsächlich die Zeit für sie und spricht ihnen Mut zu. Die nächsten Stunden scheinen entscheidend zu sein, ob das Antibiotika anschlägt. Doch auf die Ärzte macht Naru einen guten Eindruck. Dadurch, dass Naru viel Ruhe benötigt, verlässt sich Skyla auf Kai. Lukas nannte einen interessanten Punkt. Sina könne wahrlich helfen und als Reporterin mag sie mit Onkel Hendriks Erlaubnis einen Bericht über die Station schreiben, sodass sie immer wieder ein Auge auf Naru hat.

Nur wenige Schritte aus Narus Zimmer und Skyla liest erneut dieselbe blutige Botschaft wie außerhalb der Station. Unbewusst zieht es sie in Nadines Zimmer. Agnar sprach von einem kleinen Mädchen. Ob sich das Wesen Vertrauen erschleicht, indem es sich als gleichaltriger Freund tarnt?
„Erneut verlaufen?“
Skyla fährt schreckhaft um. Dr. Herzlieb tritt an sie heran. Anders als beim letzten Besuch spiegelt sich Mitgefühl in ihr wieder.
„Entschuldigen Sie bitte.“ Skyla stammelt schuldbewusst. „Es ist nur, dass mich ihr Schicksal trifft. Auch wenn ich nicht genau verstehe, was sie belastet. Ein Koma?“
Zögerlich nickt die Ärztin. „Ein Autounfall. Ihre Eltern haben diesen bedauerlicherweise nicht überlebt. Es gibt wenig Verwandte und diese weigern sich partout, sie zu besuchen zu kommen.“




„Wie furchtbar.“ Skyla seufzt erschüttert. „In so kurzer Zeit hat sich mein Weltbild komplett verändert. Die fröhliche Welt ist fort und zurück bleibt ein Ort voller Leid und Kummer.“
Mitfühlend legt Dr. Herzlieb ihr die Hand auf die Schulter. Eine simple Geste unter Fremden, die aber von so viel Wärme und Mitgefühl begleitet wird, dass diese zu einem Lichtblick heranwächst.
„Nadine freut sich sicherlich über Ihren Besuch. Melden Sie sich gern am Schalter, falls sie nicht nur Naru besuchen kommen.“
Damit ermöglicht Dr. Herzlieb ihr eine Chance auf Rettung. Skyla kann ihr Glück kaum fassen.
„Wirklich? Ich darf?“
Mit dem Nicken schleicht sich der Umriss eines Lächelns bei Dr. Herzlieb ein.
„Natürlich.“
Skyla schlägt die Hände dankbar zusammen und macht Anstalten, sich zu verbeugen, bis sie Lukas‘ Grinsen im Hintergrund bemerkt. Aus Freude entwickelt Skyla augenblicklich Scham für ihr kindisches Verhalten. Auch die Ärztin belächelt sie sanft und tritt an Nadine heran. Ihre Berührungen sind ganz sanft und voller Liebe, wie bei einer sorgenvollen Mutter. Sie spricht zu Nadine, als sei sie wach und könne alles hören. Dr. Herzlieb stellt Skyla grob vor und erwähnt Naru im gegenüberliegenden Zimmer. Für Skyla ein Startsignal, das Kind zu grüßen. Schüchtern wie ein Reh tritt sie heran und will sich ein Beispiel an der Ärztin nehmen.

„Hallo, Nadine. Mein Name ist Skyla. Ich komme dich gern zwischendurch besuchen.“
„Hallo, Skyla.“
Die darauffolgende Gänsehaut zieht sich bis hinab ins Kreuz. Das echoende Geflüster eines kleinen Mädchens klingt nah und unheilvoll.
Wie ein Zwilling nähert sich Lukas. Immer dann, wenn er erkennt, dass Skyla etwas belastet. Seine Hand umfasst ihre und gibt ihr etwas Halt. Nicht genug. Denn die Furcht vor dem Unbekannten wurzelt tief und im Nu klammert sich Skyla an ihrem Kindheitsfreund fest. Ein Bild, das Dr. Herzlieb kritisch beäugt.
„Stimmt etwas nicht?“
Ihre Frage mag sich an Skyla richten und doch übernimmt Lukas das Reden. „Ich denke, das war ein langer Tag. Ich bringe Skyla besser an die frische Luft. Wir kommen später noch einmal vorbei.“
Mit dem Kopfnicken, wandert Lukas‘ Hand hinauf, um Skylas Hand erneut einzufangen. Dabei blickt er ihr fest in die Augen.




„Gehen wir? Oder soll ich dich besser tragen?“
„Keine Albernheiten“, schimpft Dr. Herzlieb, „aber ich kann einen Rollstuhl organisieren.“
Doch Skyla schüttelt ihren Kopf und keucht. „Es geht schon.“
Die Ärztin tritt jedoch näher heran und knipst eine Lampe an, um Skyla anzuleuchten.
„Lassen Sie mich einen Schock ausschließen…“
Doch Skyla tritt fern. Weit kommt sie nicht, denn Lukas rückt ihre Hand nicht her.
„Mir geht es gut.“
Auf ihre Meinung scheint die gute Frau keinen Wert zu legen. Ein kurzer Blick zu Tessa und sie vergibt einen Ratschlag an Lukas: „Ein Besuch in der Cafeteria könne nicht schaden. Etwas Ruhe und viel Flüssigkeit auf den Tag verteilt.“
Lukas nickt. Sein stilles Versprechen.

Alle Augenpaare liegen auf den Weg hinaus auf Skyla. Agnars Fähigkeit, unsichtbar zu werden, könne Abhilfe verschaffen, aber für Verwirrung sorgen. Der Ausgang ist in greifbarer Nähe, als hinter ihnen eine Reihe Türen zuknallt. Ein Blick zurück und die Türen fallen von ganz hinten der Reihe nach wie Dominosteine. Doch Skylas Blick gilt dem blassen Mädchen, das beim genaueren Betrachten zu viele Ähnlichkeiten mit Nadine hat. Die Wangen sind aufgeblasen und die Hände zu Fäusten geballt.
„Du willst mich direkt verlassen, Skyla? Du bist doch gerade erst gekommen!“
Der Zorn bricht aus dem Kind heraus in Form eines schrillen Schreis, der alles an Glas um sie herum zerspringen lässt. Skyla und ihr Umfeld sind gezwungen, sich die Ohren zuzuhalten. Auch Agnar zischt verärgert.
„Nadine?“ Dr. Herzlieb verlässt ungläubig das Patientenzimmer, um sich noch einmal umzudrehen und das besetzte Bett zu inspizieren. „Wie ist das möglich?“
Skyla seufzt entkräftet. Mit dem Plan, sich Nadine zu nähern. Aber ihr Kindheitsfreund fängt ihre Hand bleich ein.
„Bist du sicher? Du wirkst angeschlagen, Skyla. Nicht, dass du mir gleich zusammenbrichst.“
Seine Sorge zaubert ihr ein Lächeln auf die Lippen. „Ich schaffe das.“

Auch Dr. Herzlieb nähert sich dem Geist. Dieser scheint jedoch nicht bereit für eine Konfrontation zu sein und macht eine Wurfbewegung, als werfe sie unauffällig einen kleinen Ball in den Hintergrund. Daraufhin reißt eine Schockwelle die Ärztin samt Gerätschaften und zwei weitere Krankenpfleger zu Boden. Nadine scheint nicht nur ihren Zorn im Griff zu haben, sondern fehlt ihr die Kontrolle über ihre Macht. Entwaffnend hebt Skyla ihre Hände hinauf.




„Hey, ich wollt nur kurz frische Luft schnappen. Ich wäre gleich wieder zurückgekommen.“
Sie bemüht sich, freundlich zu klingeln, aber Nadines Augen sind schmal. Sie wirkt nicht überzeugt und ihr Körper versteift sich, als Skyla eine beachtliche Distanz zurücklegt. Jedoch löst sich Nadines Blick von ihr und die nächste Schockwelle saust an Skyla vorbei. Haarscharf. Skyla hebt schützend die Arme und zieht den Kopf ein. Aus dem Hintergrund dringen Schreie zu ihr, daher dreht sie sich um. Agnars Spinnenweben erwischen drei Ärzte und reißen sie hinauf an die Decke. Ihnen fällt dabei etwas aus den Händen. Die vertrauten Waffen eines Ritters. Nadines Macht hingegen presst einen der verkleideten Ordensmitglieder an die Wand, wo sich eine rissige Vertiefung bildet, als das Mauerwerk nachgibt.

Ungläubig blinzelt Skyla. Sie schüttelt den Kopf, denn Panik bricht von allen Seiten aus. Einige ergreifen die Flucht. Auch Tessa wirkt, als wolle sie verduften. Zum Glück spricht Lukas bereits auf sie ein. Skyla läuft rückwärts. Mit dem Blick zur Tür. Bis sie Nadine erreicht.
„Danke.“ Sie sieht den Geist kurz in die Augen. „Aber nun drohen uns düstere Zeiten. Da werden noch mehr kommen.“
„Sollen sie doch kommen. Ich fürchte sie nicht!“
Nadine hat für ihr Alter unfassbar viel Mut. Skyla fühlt Bewunderung und wünschte, ihre Kriegerflamme würde ebenfalls noch so kräftig brennen.
„Was passiert hier?“ Skyla wird von Dr. Herzlieb umgerissen. „Du blickst, als wüsstest du etwas.“
Skyla schluckt und droht unter dem strengen Blick der Ärztin einzuknicken.
„Das ist nicht gut.“ Sie schluckt. „Für gewöhnlich greifen sie nicht an, wo sich so viele Zeugen befinden. Die letzte Augenzeugin gehörte ebenfalls zum Krankenhauspersonal und wurde sofort beseitigt. Ich fürchte, auch euch droht Gefahr. Diese Leute sind gefährlich und jagen uns, weil wir Kontakt zur anderen Seite haben. Nadine hat sich euch gezeigt, damit seid ihr sicherlich ebenfalls infiziert. Jeder hier ist in Gefahr…“
Mitten in der Erklärung rüttelt eine Erschütterung die ganze Station wach. Die Türen der Station werden aufgesprengt und Skyla sieht die Granaten hinein rollen. Noch im gleichen Moment werden Rauchstäbe hineingeworfen. Bevor Skyla die rollende Gefahr aus den Augen verliert, brüllt sie Lukas und Tessa an, zur Seite zu weichen, um die Schockwelle geradewegs an ihnen vorbei zu lenken. Damit die Granaten zum Absender rechtzeitig zurückkehren. Zum Glück reagiert Lukas schnell genug und macht den Weg frei. Somit kann Skyla die beiden retten. Die Explosion findet damit außerhalb der Intensivstation statt. Doch das hält den Feind nicht davon ab, einzutreten. In dem Outfit der Anti-Terror-Einheit. Zu viele, um zu zählen. Dr. Herzlieb schlägt sich die Hände vom Mund, als alles Leben auf den Fluren und auch in den ersten Patientenzimmern abgeknallt wird. Ohne Kompromiss. Skyla flucht leise und nimmt sich an Nadine ein Beispiel, einen Schutzschild gegen den Kugelhagel zu formen. Sie wusste gar nicht, dass ihre Macht sich so einsetzen lässt.



Lukas und Tessa haben sie gerade erreicht, da vergibt die Ärztin ihren Kollegen den Befehl, alle Patienten reisefertig zu machen. Lukas erkennt den Notstand und packt mit an. Auch wenn er Skyla kurz beunruhigt betrachtet und verlangt, dass sie sich nicht in Lebensgefahr bringen soll. Doch dafür hat Skyla keinen Kopf frei. Zum Glück bekommt sie Unterstützung von Kai. Der Lärm hat ihn hinausgelockt und dank Naomi wächst er zu der fürchterlichen Magiebestie heran, die ungehindert an die Front stürmt und alles zerfleischt, was sich an Ritter ihm in den Weg stellt. Agnar hält ihm dabei mit seinen Weben den Rücken frei. Auch Skyla befördert ihre Macht los und eröffnet Kai eine Schneise. Doch auf paranormale Wesen ist der Orden vorbereitet. Ein Wurf und ein kleiner Ball entfaltet sich zu einem riesigen Gerüst, das an eine Rüstung erinnert. Die scharfen Zacken graben sich in Kais Fleisch und legen sich über den Rücken, so wie seine Wirbelsäule verläuft. Schon im nächsten Moment liegt der Dämonenbär bewegungsunfähig auf dem Boden. Die Magiebestie wird umstellt und wirkt auf Skyla unerreichbar. Die gewaltige Anzahl Ordensanhängern lässt sie sogar zurückschrecken. Aber Agnars strenger Ruf rüttelt die Angst von ihr. Nur, weil es einen erwischt hat, darf sie nicht aufgeben!

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