Kapitel 24

„Nadine, leih mir deinen Schutz!“
Telekinese kostet unfassbar viel Energie. Die Batterien müssen sich kurz aufladen, aber zum Glück bereitete Justin seine Schülerin auf den Nahkampf vor. Nadine mag ein noch junger Geist sein und vor allem fremd, dennoch wirkt sie zuverlässig. Tatsächlich lässt sie sich darauf ein.
„Ist gut!“
Das Startsignal!
Für Skyla heißt es nun, voran ins Getümmel! Trotz Furcht vor dem Kugelhagel. Aber Agnars Spinnenweben ziehen die Feinde einfach fort und Nadines Schilde machen Skyla vorerst unverwundbar. Leider haben sie es mit Profis zu tun. Nadine wird schnell lokalisiert und im Team arbeitet sich der Feind voran. Als Ablenkungsmanöver werfen einige Ritter ihre Klingen. Waffen, die sie unterschätzt. Erneut! Ob Schild oder dämonische Fähigkeiten, die Schwerter sind scharf genug, um sämtliche Barrieren zu durchbrechen. Es gleicht einem Wunder, allen bis auf eine Klinge zu entkommen. Zu Skylas Glück streift die Letzte nur ihr Gesicht und doch brennt die Wunde fürchterlich, als würde das Gesicht an jene Stelle wegätzen. Skyla weicht zischend zurück und umfasst die betroffene Stelle mit zusammengebissenen Zähnen.

Der Feind nähert sich bedrohlich, sodass Skyla den Schmerz verdrängt und sich auf den Nahkampf konzentriert. Schnell zeigt sich, dass sie die Ritterschaft unterschätzte. Zu ihrem Bedauern wird sie umzingelt und Agnars Fäden werden mit den Schwertern einfach durchtrennt, ehe der Spinnendämon die Anzahl verringert. Wenige Minuten schlägt sich Skyla zuversichtlich. Obwohl sie eingekreist wurde und Gegenwehr von allen Seiten folgt. Nie käme es ihr in den Sinn, wie leichtfertig sich ein Gegner packen lässt, um ihn in die Luft zu befördern. In dem Fall direkt gegen die Wand. Justins Training fruchtet! Die Bewegungen sind fließend, die Reflexe geschärft. Skyla erkennt die Angriffsmuster rechtzeitig, sie verlagert ihr Gewicht, um ihren Gegenüber zu entkommen, und teilt zum Schluss ordentlich aus.

Die geübten Kombinationen legen viele Ritter lahm und geben Skyla ein Gefühl von Überheblichkeit. Ein altbekannter Feind, der ihr alles kostet. Einmal nicht aufgepasst, und einer der Ritter federt sich rechtzeitig in ihren Fängen mit den Beinen von der Wand ab. Skyla besitzt nicht die Kraft, dagegen anzugehen und kaum dreht sich der Kerl in dem Griff, trifft sein Bein sie von oben, während er sich in der Luft überschlägt. Ein Hintermann packt sie kurz darauf und donnert ihren Schädel mit Wucht gegen die Wand. Der daraufhin folgende Pfeifton in den Ohren legt sie kurzfristig lahm. Wehrlos stemmt sie sich gegen die Wand. Die Welt dreht sich mit dem lästigen Pfeifen. Aber nur ein einziger Treffer und sie wird zum lebenden Boxsack. Die Ritter verzichten bewusst auf den Einsatz ihrer Schwerter. Sie schlagen, treten und schupsen sie querbeet. Mit solch einer Wucht und Geschwindigkeit, dass sich keine Gelegenheit bietet, ihre Macht zur Hilfe zu nehmen.



Galle und Blut erbricht Skyla. Gekrümmt kriecht sie auf dem Boden. Atemringend und mit druckempfindlicher Haut. Aus der Ferne dringen Schreie zu ihnen. Darunter auch Nadine. Es klingt nach Schmerz und Furcht. Aber kaum hebt Skyla den Kopf, um nach dem Kind zu sehen, befördert sie ein Tritt gegen die Wand. Es ist lange her, dass sie geprügelt am Boden lag. Die Kraft und das Bewusstsein verlassen Skyla allmählich. Sie atmet flach. Begleitet von Schmerzen. Sicherlich haben die Ritter ihr mehr als eine Rippe gebrochen. Aus nächster Nähe wirkt die Tarnung des Ordens noch beeindruckender. Es würde sie nicht wundern, wenn die polizeiliche Verkleidung einer Sondereinheit echt wäre.
„Hört auf zu spielen!“
Einer der Ritter tritt mit einer Flasche heran. Skylas Wahrnehmung mag durch all die Rückschläge leiden und doch entziffert sie das Etikett und erschaudert.
„Hexen werden verbrannt! „– ein Satz, der sich in ihrem Kopf festgebissen hat und überall auf den Wänden in der Wohnung ihrer Eltern geschmiert wurde.
Tod durchs Feuer. Ein grauenvoller Gedanke. Aber Skyla findet keine Kraft mehr, um sich zu erheben. Provokativ dreht der Kerl die Flasche Benzin ganz langsam auf und nimmt den Helm sowie die Sturmmaske ab, um ihr sein dreckiges Grinsen zu präsentieren. Seine karamellfarbenen Augen funkeln erheitert und hellen mit jedem Schritt auf. Die Flasche droht über ihr zu kippen, woraufhin Skyla die Auge zusammenpresst, aber das Geschrei und die Schüsse lassen sie aufblicken. Ihr Gegenüber stürzt rückwärts und das Benzin ergießt sich stattdessen über ihm. Währenddessen fallen die restlichen Ritter wie die Fliegen. Begleitet von kräftigen Windzügen spritzt von allen Seiten Blut durch die Atmosphäre und sämtliche Feinde gehen röchelnd zu Boden. Skyla macht Bewegungen um sie herum aus, kann diese aber nicht zuordnen, da sich etwas zu schnell für ihr Auge bewegt. Erst als dem übergossenen Ritter ein Feuerzeug aus der Tasche gezogen wird, erblickt Skyla ihren letzten und geheimnisvollsten Schutzgeist. Dalikas weiche Züge sind fort. Ihre Augen sind schwärzer als die Nacht und mit dem sichelförmigen Grinsen konkurriert sie mit der Boshaftigkeit eines Dämons. Ihr Lachen echot und klingt schadenfroh, als sie eine Flamme entzündet. Der Ritter schüttelt flehend den Kopf und gerät in Anbetracht der Lage ins Schwitzen, doch Dalika machte auf Skyla nie den Eindruck, Gnade walten zu lassen. Ein Bananenbaumgeist sieht sich als Rächer und Wächter für das weibliche Geschlecht. Jener Kerl, der die Hand gegen eine Frau erhebt, erzürnt einen Nang Tani.



Tod durchs Feuer. Das Bild, das sich Skyla nun bietet, lässt sie erschaudern. Kaum fängt die durchtränkte Kleidung Feuer, laben sich die Flammen innerhalb weniger Sekunden am Leib des Ritters. Zeit für eine Rettung bleibt keine, denn Dalika lässt von dem schreienden Feind ab. Schon im nächsten Augenblick kracht es um sie herum und die nächsten Ritter fallen leblos zum Boden. Der beißende Gestank lässt Skyla würgen. Der Blick klebt weiterhin auf das flammende Leid und in ihrem Kopf sieht sie sich dort leiden. Windend im Griff des Todes. Unter unfassbaren Schmerzen.
„Hey.“ Trotz sanfter Tonlage fährt Skylas Herz schreckhaft zusammen. „Ich bin jetzt hier und hole dich hier raus.“
Ungläubig blinzelt sie, denn Lukas hat es wie durch ein Wunder unbeschadet zu ihr geschafft. Nur kurz erlaubt er es sich, über ihre Wange zu streicheln. Wie ein Versprechen, dass es nun bergauf geht. Kompromisslos schnappt er sie sich und kämpft sich mit ihr hinauf. Skyla mag ihre Zweifel hegen, aber schon einmal trug er sie hinaus in die Freiheit. Daher legt sie ihre Arme um seinen Hals und lehnt ihren Kopf gegen seine Brust. Sie hört die Anstrengung in seinen Atem und ihre Hände vergraben sich vor Schreck in seinen Schultern, denn er schwankt gefährlich mit jedem Schritt. Aber Lukas gibt nicht auf. Er kämpft sich Schritt für Schritt voran.

„Bleib wach, kleine Blume!“
Die Augen drohten gerade zuzufallen, da taucht Dalika kurz neben Lukas auf. Direkt an seiner Brust zu liegen lässt sie den Schrecken spüren und hören. Lukas weicht instinktiv von Dalika fern. Mit geöffneten Mund und Sorge in den Augen. Eine Gelegenheit die Dalika nutzt, um sich respektvoll zu verneigen. Mit einem Knicks. Eine altmodische Begrüßung.
„Dalika, angenehm, Lukas. Lass mich dir danken, dass du mutig losgerannt bist, um meine kleine Blume zu retten…“
Ungläubig dreht sich Lukas um. Er staunt sicherlich genauso heftig wie Skyla, denn von all den unzähligen Rittern steht kein einziger mehr. Dalika hinterließ ein wahres Blutbad. Was muss Milan für ein Idiot gewesen sein, sich auf einen Kampf in Thailand gegen einen Nang Tani eingelassen zu haben.
„Die Blume in deinem Haar“ Lukas scheint die Plumeria in Dalikas wallender Mähne wiederzuerkennen. „Stammst du aus Thailand?“




Die dunklen Augen des Nang Tanis hellen auf. „In der Tat. Du erkennst mein Geschenk an Skyla wieder? Die Kette habe ich ihr geformt.“
„Gut…“ Lukas atmet auf. „Ich hielt sie für ein Geschenk von Milan.“
Der alberne Laut aus Dalikas Laut lässt Skyla aufblicken. Denn ihr Schutzgeist scheint sich köstlich zu amüsieren. Sie betrachtet Lukas mit leuchtenden Augen, als habe sie Gefallen an ihm gefunden.
„Meine kleine Blume bedeutet dir viel, richtig?“
„Mehr als mein eigenes Leben.“
Eine Antwort, die vor Überzeugung strotzt und Skylas Wangen erröten lässt. Bis er sich jedoch beklagt: „Aber deine kleine Blume ist schwer.“
Warnend funkelt Skyla ihn an, doch Lukas hält eher Blickkontakt zu dem Nang Tani, als studiere er den neuen Schutzgeist.
„Ich bedaure, abnehmen kann ich dir meine kleine Blume nicht. Kai liegt in Ketten. Es wird Zeit ihn zu befreien.“
„Wer sagt denn, dass ich dir Skyla ausgehändigt hätte?“
Mit Mut hat die Aussage nichts mehr zu tun. Skyla hofft für ihren Freund, dass er genug Sympathiepunkte sammelte, um Dalikas Zorn zu bändigen. Denn Dalika ist genauso temperamentvoll wie Skyla selbst. Doch zu ihrer Verwunderung lächelt der Nang Tani entzückt und wuschelt ihm sogar frech durchs Haar. Damit endet die Unterhaltung für sie und Kai gewinnt an Priorität.
„Entschuldigt mich jetzt.“

Nur kurz sieht Lukas Dalika hinterher, schließlich bringt er Skyla in Narus Zimmer. Gegen Skylas Erwartung befinden sich dort Dr. Herzlieb und zwei Pflegekräfte. Auch Tessa kauerte sich in einer Ecke zusammen. In geduckter Haltung. Während Naru abreisefertig fertig gemacht wird. Lukas keucht, als er Skyla im Stuhl neben Narus Inkubator absetzt.
„Geschafft!“
Er lächelt dankbar und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Dr. Herzlieb. Die Patienten wären soweit. Wir können mit der Verlegung beginnen“, tönt es von einer Pflegekraft, die ins Zimmer stürmt.
„Gut. Wir sind auch gleich soweit. Der Transportinkubator ist jeden Moment abreisebereit“, versichert die Ärztin ihr, „Beginnen wir mit der Evakuierung unserer Station.“
Erst in diesem Moment registriert Skyla das riesige Transportgerät. Die gewaltige Liege erstreckt sich mehr in die Länge und zeigt sich neben dem Brutkasten mit all der notwendigen Technik versorgt.



„Wohin wird Naru gebracht?“
Skyla stellt ihre Frage zwar in den Raum, aber dank ihrer Abgeschlagenheit befürchtet sie, nicht genug Kraft in ihre Stimme gesetzt zu haben. Aber in all dem Trubel ist es die Intensivkrankenschwester am Ende des Raumes, die sie mit ausdrucksloser Miene betrachtet und zögerlich herantritt.
„Naru wird ins nächstmögliche Krankenhaus verlegt. Eine Neonatologie, die auf besondere Frühchen spezialisiert ist.“
Skyla nickt zustimmend und will sich gerade mit den Fakten auseinandersetzen, da beugt sich die junge Intensivschwester zu ihr hinab. Aus nächster Nähe nimmt Skyla ihre Schönheit wahr. Vor ihr steht eine schmale, aber kurvige Frau mit einer leichten Bräune, deren Hautbild klar und frei von Unreinheiten ist. Das dunkle Haar ist streng zusammengebunden, womit ihre ausdruckstarten karamellfarbenen Augen besser zur Geltung kommen. Die straffe Haltung und der feste Blick strotzen vor Autorität.
„Und Sie werden uns begleiten, denn wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen.“

Doch Skyla hegt ihr Bedenken, die sie sofort Kundtun muss: „Ich bringe alle nur unnötig in Gefahr!“
Ihr Gegenüber bleibt jedoch hartnäckig. „Irrtum! Ihre Fähigkeiten können als Schutzschild agieren. Unsere Überlebenschancen steigen mit Ihnen als Begleitschutz.“
„Skyla.“ Lukas geht direkt vor ihr in die Hocke, um auf Augenhöhe zu sein. „Naru braucht dich. Ignoriere den Hilferuf nicht. Erkennst du denn nicht deine Chance, deine Kräfte für einen guten Zweck einzusetzen?“
Sie seufzt laut und befindet sich in einem Konflikt. Justin würde ihr sicher davon abraten. Aber es geht schließlich um Naru.
„Was ist mit meinem Onkel?“
„Sina ist bei ihm.“
Lukas hat unfassbar viel Vertrauen in Sina. Anders als Skyla.
„Tessa? Wirst du uns begleiten?“
Der Zustand ihrer Cousine bereitet Skyla ebenfalls Sorge, aber Tessa zeigt sich ansprechbar, wie ein hastiges Nicken verdeutlicht. Daher will sich Skyla auf die Eskorte einlassen.
„In Ordnung. Beginnen wir mit der Evakuierung!“

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