Kapitel 25
Nach einer Schlacht liegen Beklommenheit und eine unheilvolle Stille in der Luft. Um aufkeimende Traumas zu vermeiden werden bei wenigen der kleinen Patienten die Augen verbunden. Der Schrecken steht den anwesenden Eltern ins Gesicht geschrieben und doch folgen sie zügig dem Krankentransport. Außerhalb der Intensivstation geduldet sich Dalika mit Kai auf dem Arm. Beide legen eine perfekte Tarnung an den Tag. Dalikas grünlicher Teint verblasste und stattdessen erhielt sie eine natürliche Bräune aus ihrer Heimat. Getarnt als Krankenschwester trägt sie Kai in seiner Plüschtierform in den Armen. Statt einem Wortwechsel reicht Dalika unauffällig den schlummernden Kai an Skyla weiter, um schließlich beim Transportinkubator anzupacken.
Skylas Stolz spricht gegen einen Rollstuhl. Jede Bewegung mag zwar schmerzen und ohne Lukas stützende Hilfe würde sie sicherlich noch viel länger unterwegs sein, aber noch kann sie laufen. Selbst im Aufzug weicht sie nicht von Narus Seite. Trotz der angeschalteten Handys gibt es keinen Internetempfang. Die Kommunikation bleibt dadurch gestört. Damit wächst die Sorge um Sina und ihrem Onkel. Unterwegs finden sie menschenleere Flure und Räumlichkeiten wieder. Der Ort scheint fluchtartig verlassen worden zu sein. Ein genauer Blick und Skyla sieht Spuren von Verwüstung, als wurden auch in anderen Abteilen des Krankenhauses Kämpfe ausgetragen.
Durch die Notaufnahme hindurch geht es direkt auf den Parkplatz für die Krankentransporte. Im Schein der Sonne nimmt Skyla unzählige Glitzerelemente und Seifenblasen wahr. So wie Sinas Anwesenheit. Die Reporterin lehnt mit hängendem Kopf an einem Fahrzeug, worauf der Inkubator hinsteuert. Die Intensivkrankenschwester, die Skyla zur Unterstützung überzeugte, löst sich von der Gruppe, um sich Skyla zu schnappen. Sie trennt beide Kindheitsfreunde gewaltsam und ignoriert Lukas warnenden Ruf. Ohne Kompromiss geht es Richtung Fahrerkabine.
„Dank deiner Freundin befinden wir uns in der Geisterwelt. In einer Safezone. Aber das wird sich schnell ändern. Die Reise durch das Unbekannte birgt unzählige Gefahren und wir brauchen deinen Schutzschild. Du musst den Intensivtransporter für Neugeborene in eine Blase legen und Löcher schnell flicken. Verstanden?“
Nichts hat Skyla verstanden! All der viele Input macht sie sprachlos.
„Warte was?“ Ungläubig reißt sie sich los und mustert ihren Gegenüber intensiv. „Sag mal, wer bist du eigentlich wirklich?“
Die junge Dame rollt mit den Augen und wühlt in ihrer Kitteltasche, um eine aufklappbare Marke rauszuholen.
„Verdeckte Ermittlerin in der Rekrutierung und Untersuchung von Anomalien. Jessy, angenehm. Ich hörte viel von dir, Skyla. Dein Profil mag ansprechend sein, gehört aber leider nicht zu meinem Zuständigkeitsbereich.“
Skyla steht der Mund offen. Nie käme es ihr in den Sinn, auf jemanden vor Ort zu treffen, der in der Materie drinnen steckt.
„Was bedeutet, Skyla wird beobachtet?“
Beide drehen sich zu Lukas, der sich schützend vor Skyla aufbaut. Jessy betrachtet ihn kurz mit schmalen Augen und angespannten Kiefer.
„Zu den Ermittlungen eines Kollegen darf ich keinen Bezug nehmen. Fakt ist, dass ein jeder Erwachter eingestuft werden muss.“
Lukas belächelt die Aussage skeptisch und gibt sich damit nicht zufrieden.
„Es scheint, als sei Ihnen Skylas Welt nicht fremd. Dürfte ich in Erfahrung bringen, ob Sie eine Gabe wie Skyla besitzen oder sich doch eher zum Zirkel der Hexen bekennen?“
Jessys Mundwinkel heben sich. Warnend wedelt sie mit dem Finger in der Luft.
„Mir scheint, als haben Sie Ihre Nase in Bücher gesteckt, die Ihnen gar nicht zustehen. Damit haben Sie sich gefährliches Wissen angeeignet. Ich rate Ihnen, besser Abstand von dieser Materie zu nehmen…“
Lukas Schnauben lässt die Dame innehalten, woraufhin er entschlossen aufblickt und ihr den Kampf ansagt: „Bedauerlicherweise muss ich Sie enttäuschen, denn Skylas Wohl hat höchste Priorität für mich. Alles, was meine Freundin betrifft, wird auch zu meinem Problem.“
Nun reißt Jessy der Geduldsfaden. Mit knallrotem Gesicht deutet sie auf das Ende des Wagens.
„Ihr Platz befindet sich hinten beim Patienten.“
Aber Lukas greift zurück und zieht Skyla behutsam an sich. „Uns bekommen Sie nicht getrennt.“
All die Distanz, all der Frust, all der Streit scheint für Lukas vergessen zu sein. Dabei ist seine Nähe nach all dem Drama befremdlich. Und doch dankt sie seiner Verbissenheit. Denn Lukas behält den kühlen Kopf und bewahrt sie vor fatalen Fehlern. Daher lehnt sie sich an ihn. Mit dem Blick auf Jessy gerichtet.
„Sie wollen meine Hilfe?“ Eine rein rhetorische Frage. „Dann brauche ich Lukas vorne…“
All die Entschlossenheit verfliegt mit Tessas lauten Aufschrei. Ein Blick zurück und Skyla sieht ihre Cousine heulend zu Boden gehen. Auch Sina weint still. Jessy schnauft und reißt die Wagentür zum Beifahrer auf. Sie deutet erzürnt auf die Fahrerkabine.
„Ausnahmsweise! Aber nun rein mit euch, bevor ich es mir anders überlege!“
„Nein, ich muss zu Tessa!“
Skyla löst sich gerade von Lukas, da drückt Jessy sie grob in den Wagen und hebt mahnend den Finger.
„Später!“
Skyla belächelt ihren Zorn und will gerade hinaus, als Jessy sich dem Problem annimmt, aber Lukas versperrt ihr den Weg.
„Ich verstehe dich, Skyla. Nur tickt die Uhr. Verschwinden wir nicht, dann erwischt es uns schon bald alle.“
Der Orden! Noch sind sie nicht in Sicherheit! Lukas hat wahrlich ein Talent, ihren Zorn zu besänftigen.
Einsichtig rutscht Skyla zur Seite und lässt ihn einsteigen, um schließlich den Fahrer auszumachen. Ein junger Kerl. Trotz Anspannung lächelt er freundlich in die Runde. Da er auf der orangen Hose ein weißes T-Shirt trägt bekommen sie freie Sicht auf die vielen Flammen-Tätowierungen. Angefangen an den Armen schlängelt sich sein Kunstwerk bis zum Hals hinauf. Die Glatze steht ihm wahrlich gut. Skyla feiert seinen rebellischen Look.
„Steve, euer Fahrer. Hexer dritten Grades. Spezialisiert auf Rauch und Feuer.“
„Hexer?“, wiederholt Lukas ihn aufmerksam. „Also mischen sich Hexen und Hexer in die Angelegenheit?“
„Ein Auftrag des Zirkels.“
Steve überspielt Lukas‘ Misstrauen mit einem Lächeln. Skyla hingegen hebt die Hand und will die Vorstellungsrunde beenden.
„Hi, Steve. Das ist Lukas und ich bin Skyla.“
„Skyla– eine kleine Legende im Zirkel. Ein Unheilbringer, der sich schwer einschätzen lässt.“ Steve lacht leise und startet den Motor. „Aber hey, ich bleibe neutral. Ich mache mir mein eigenes Bild. Ich teile dir nur besser mit, dass du nicht ganz unbekannt bist. Die wenigsten Leute von Zirkel wissen dich einzuordnen und betrachten deine Entwicklung mit Sorge.“
Noch mehr Hürden über die Skyla besser nicht nachdenken mag. Daher legt sie den Fokus besser auf die kommende Prüfung.
„Sag, Steve, was erwartet uns nun?“
„Ein Trip durch die Hölle.“
Ihr Fahrer sieht es mit Humor und lacht lauthals, während die beiden Freunde unheilvoll schweigen. Denn die Aktion mit den Rittern reichte Skyla bereits.
„Die Geisterwelt“, erinnert sich Lukas.
Er schneidet das Thema mit einer Tonlage an, die besser ernstgenommen werden sollte.
„Die obersten Ebenen der Geisterwelt“, betont Steve freudig und klopft Skyla kumpelhaft auf die Schulter, „das wird ein Spaß. Aber keine Sorge. Horst war sein Leben lang Busfahrer und befindet sich schon einige Jahre in unserem Dienst. Wir beide fahren monatlich durch die Hölle und haben Gefallen daran gefunden.“
Das darauffolgende Hupen seitens Steves wird von der Seite erwidert und nun rollt ein riesiger Bus an ihnen vorbei. Mit der Aufschrift: Intensivtransport
Skyla staunt nicht schlecht.
„Ein Bus für Krankenfahrten?“
„Nicht irgendwelche Krankenfahrten.“ Steve lächelt stolz. „Intensivfahrten sind noch mal etwas ganz anderes…“
„LABBER NICHT UND FAHR JETZT!“, tönt es aus dem Mikrophon.
„Yes, Ma’am!“
Dank Jessy rollt der Krankenwagen los. Überfordert schaut Skyla auf.
„Warte? Was ist mit dem Schutzschild?“
Ihr kommt das Grauen, als Steve eine Hand vom Lenkrad löst und beschwichtigend die Hand hebt.
„Brauchen wir noch nicht. Noch sind wir in den oberen Schichten der Geisterwelt. Wir müssen erst mal die Passagen suchen, um eine Ebene hinab zu kommen.“
„Wie hoch sind die Überlebenschancen?“
Lukas stellt eine verdammt schlechte Frage. Skyla will sich gerade die Ohren zuhalten, um nicht ihren Mut zu verlieren, aber Steve antwortet viel zu schnell: „Vielleicht fünf Prozent.“
Seine Antwort lässt Lukas genervt ausatmen. „Nicht dein Ernst!“
„Haha! Dein Blick! Geil!“ Steve lugt tatsächlich kurz rüber. „Aber keine Sorge, mit mir als Fahrer steigt die Chance.“
„Ich bezweifle es.“
Lukas‘ Bemerkung bringt Steve erneut zum Lachen. Nun zweifelt Skyla an seiner Mentalität. Wie verrückt muss man sein, freiwillig an solch einem Abenteuer teilzunehmen und auch noch dabei Spaß zu haben?
Als Lukas sich die Hand seiner Kindheitsfreundin schnappt, blicken sich die beiden in die Augen. Skyla hofft, dass seine Geste ihr Mut geben soll. Er blickt ernst, aber furchtlos. Anders als gedacht. Der Zahn der Zeit verändert ihn. Der niedliche Nerd, den sie so sehr mag, passt immer besser in die Heldenrolle, die ihr so widerstrebt.
„Sollte es dir an Energie mangeln, dann bediene dich an mir, Skyla.“
Lukas‘ Aufforderung wirft noch mehr Fragen auf.
„Was? Wie meinst du das?“
„Ach so! Du brauchst deine Energie nicht zu opfern. Wir haben Speicherkristalle an Bord. Skyla, bediene dich ruhig daran.“
Steve beugt sich rüber und deutet auf das Handschuhfach. Überfordert wechselt ihr Blick von Steve zu Lukas, worauf ihr bester Freund erklärt: „Deine Macht zieht Energie. Wenn dein Akku leer geht, kannst du dich von anderen Energien bedienen. So wie Geister auf die Technik zurückgreifen.“
Eine fremde Materie und doch befasst sich Lukas mit den Fakten. Die Frage ist jedoch, woher seine Quelle stammt. Skyla sieht es schon kommen, bald weiß er mehr über ihre Art, als sie selbst.
Nur ein kleiner Spalt und schon schimmert das unheilvolle Violettlicht heraus. Im Handschuhfach befinden sich unzählige schimmernde Leuchtkristalle in unterschiedlichen Größen.
„Steve, wie verwende ich solch einen Kristall?“
Ihre Frage wird belächelt und trifft auf Spott. „Kam bei Justin noch nicht zur Sprache? Wie bedauerlich. Es scheint, als weist seine Ausbildung einige Lücken auf.“
Mit solch einer Aussage weckt er ihre Neugier.
„Wie denkst du über Justin, Steve?“
„Für einen Menschen schlägt er sich gut. Justin genießt hohes Ansehen beim Rat und da er dich als seine Schülerin aufgenommen hat…“
Nicht freiwillig!
Skyla muss sich auf die Zunge beißen, um besser zu schweigen. Denn der Start mit Justin war holprig. Nett ausgedrückt. Der griesgrämige Geisterjäger legte keinerlei Wert auf ihre Meinung und bombardierte sie stur mit seinem Programm. Nur dank Milans Einmischung und ihrer ausdauernden Sturheit ließen sich Kompromisse finden.
„…ist der Zirkel gnädig mit dir. Der hohe Rat vertraut auf Justins Urteilsvermögen.“
Erneut setzt sich Justin für sie ein. Ohne ihres Wissens. Sie verdankt ihm mehr, als ihr lieb ist. Sich bei ihm entsprechend erkenntlich zu zeigen, sollte langsam angebracht sein. Sobald dieser Horror irgendwie überstanden ist.





























































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