Kapitel 35

Provokativ fallen die schweren Türen des Büros zu. Langsam und knirschend. Außerhalb des Büros, in einem dunkel gekleideten Flur, gepresst an der schwarzen Holzwand zwischen Porträts der vergangenen Schulleitung bleibt Skyla dem Zorn ihres neuen Schutzgeistes erlegen. Justin schickte sie fort. Zurück ins Krankenzimmer. Aber Dalika versperrt den Weg und drängt Skyla in die Ecke. Einschüchternd baut sich der Nang Tani vor ihr auf. Die rechte Hand stemmt sich gegen die Wand direkt neben Skyla Ohr. Die Augen geformt zu Schlitzen, voll von Dunkelheit. Unheilvoll und verschlingend. Die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst.

„Kleine Blume“, beginnt Dalika säuerlich.

Skyla keucht, nachdem sie so lange den Atem anhielt. Das Holz in ihrem Rücken wirkt leider stabil, dabei wünscht sie sich, dass es nachgibt und sie aus Dalikas Sichtfeld stolpern kann.

„Ist es dir ernst mit mir?“, führt der Nang Tani fort.

Skyla muss den nächsten Gedanken hinabschlucken, aber das Szenario erinnert an ein Schuldrama. Eine Romanze unter Schülern. Und dann in einer Akademie für Hexen. Romantikerherzen würden sicherlich höher schlagen und insgeheim hat sich Skyla wahrlich solch einen Moment gewünscht.

 

Prüfend und voller Misstrauen betrachtet der Nang Tani sie aus nächster Nähe. Dabei hatte Skyla gehofft, Dalika würde Verständnis zeigen. Erschöpft seufzt Skyla und fährt sich durchs Haar.

„Wo liegt das Problem, Dalika? Bitte komm direkt zum Punkt. Ich bin müde…“

Mitten im Satz legt Dalika ihr die Hand auf den Mund und schnauft enttäuscht.

„Mir widerstrebt der Gedanke, voneinander getrennt zu werden. Wir gehören zusammen! Die nächsten Monate nach unserem Pakt sind bindend. Du darfst uns nicht voneinander trennen. Das könnte zu Zwietracht führen!“

Kaum nimmt Dalika ihre Hand von ihr, hinterfragt Skyla: „Selbst, wenn ich mich am selben Ort befände? Während du hier aushilfst, wäre ich bei Naru.“

Doch Dalika schüttelt den Kopf und antwortet mit einem säuerlichen Ausdruck: „Die Einsamkeit wäre vernichtend und würde meine Gedanken vergiften. Gebe mir bitte nicht das Gefühl, von dir ausgenutzt zu werden. Denn ich sah damals ein neues Zuhause in dir. Eine Seele, die mich brauchte und willkommen hieß.“



 

Dalika spricht offen über ihre Gefühle, womit sie ein mögliches Desaster verhindern kann. Skyla will dem entgegenkommen, denn sie hegt ebenfalls große Hoffnung in ihrem neuen Schutzgeist.

„Ich weiß, die Feier ist dir wichtig, aber können wir diese noch ein Stück länger nach hinten schieben?“

So viel Hoffnung steckt hinter diesem Anliegen, denn es liegt zu viel an und ihr Schutzgeist soll mit einer Version von ihr belohnt werden, die all die Mühen der Feierlichkeiten schätzt. Sollte der Geist aufgrund der Lage abdriften und sie nur halbherzig den Pakt schließen, wäre dies nicht gerecht. Aber Dalika antwortet mit einer ehrlichen Träne, die Skyla dazu verleitet, ihr diese aus dem Gesicht zu streichen. Als würden sich ihre Gedärme verknoten, versteift sich Skylas Körper. Dabei gehört es nicht zu ihren Absichten, Dalika zu verärgern. Sie hoffnungslos zu vertrösten. Ihr das Gefühl zu geben, nicht geschätzt zu werden.

„Hey, ich will dich nicht kränken, denn du bist mir wichtig, Dalika. Wir mögen uns noch nicht lange kennen, aber ich bin dankbar über dein Dasein.“

Kaum ist das Herz ausgeschüttet, legt Dalika ihre Hände auf die von Skyla, die noch immer ihren Kopf umfassen.

„Sollte ich dir wichtig sein, dann werde zu meinem Baum, kleine Blume. Die Dunkelheit streckt bereits die Finger nach mir aus. Ich hab mein altes Zuhause verlassen und sollte ich nicht schnell Unterschlupf finden, wird mich die Luft vergiften und verdammen.“

Ehrlich Sorge erschwert das Atmen. Skyla betrachtet Dalika beunruhigt. Zu wenig weiß sie über ihren neuen Schutzgeist. Zu wenig über ihre eigene Art und die Welt der Magie und Geister.

„Erzähl mir mehr, Dalika. Lass mich verstehen, was dich sorgt und was du auf dich genommen hast, um nun hier zu sein.“

Der Zorn in den Augen ihres Schutzgeistes droht zu verglimmen. Dennoch bleibt sie vorerst still. Der Kopf hängt verdächtig hinab, als stecke sie tief in einem Strudel negativer Gedanken. Als drohe diese zu ertrinken. Der Blick wird trüb und die Seele wirkt erschüttert. Flüsternd nimmt Skyla den Namen ihres Schutzgeistes in den Mund. Flehend. Zum Glück erreicht sie Dalika, denn der Nang Tani gönnt sich einen tiefen Atemzug, bevor sie sich Skylas Hand schnappt und sie mit sich fortzieht.



 

Händchenhaltend führt Dalika ihre neue Freundin durch die Akademie. Als lebe sie schon seit Kindertagen an jenem Ort, schreitet sie durch das prächtige Gebäude. Elegante Holztreppen führen hinab durch mehrere Etagen, denn wie sich zeigt, befindet sich Lady Irenes Büro hoch oben im Schloss. Breite Flure bieten genug Ausweichfläche vor den Schülern. Aus nächster Nähe kann Skyla somit die beeindruckenden Uniformen betrachten. Was hätte sie nicht dafür gegeben, an solch einem magischen Ort zur Schule zu gehen. Gemeinsam mit Lukas. Was wird er staunen, wenn er realisiert, wo er sich befindet. Schutzgeister gehören in der Akademie zum Alltag und müssen sich nicht verbergen. Tatsächlich gehört die Fee zu den häufigsten Schutzgeistern, aber die geisterhaften Füchse einer Hexe haben es Skyla ebenfalls angetan. Die in weiße Flammen gehüllten Füchse wirken unfassbar verspielt und neugierig. Ähnlich wie bei Katzen. Ein Haustier, das sich Lukas und sie schon immer wünschten, aber ihren Eltern widerstrebten. Und ausgerechnet eine Spinne und einen dämonischen Plüschbären zählt Skyla nun zu ihren tierischen Mitbewohnern.

Ob sich die Hexe mit den Füchsen sich auf einen Tauschhandel einlassen würde?

Wären Pakte doch nicht so komplex. Außerdem haben Agnar und Kai viel mit ihr durchgestanden und sich immer aufs Neue bewiesen.

 

Dunkle Holzelemente vermischen sich im Schloss Eulenherz mit schimmernden Smaragdfarben. Kunstvoll schmücken große Vasen mit prachtvollen Sträußen den Zwischenraum von großen Bogenfenstern. Genügend altmodische, aber prachtvolle Sitzbänke bieten viele Sitzmöglichkeiten. Nur wenige Vorhänge sind nicht zusammengebunden und wehen dank der sanften Brisen nah an die Passanten. Das altmodische Anwesen glänzt vor Sauberkeit und fühlt sich an, wie eine Zeitreise zurück in eine unbekannte Welt.

 

Unterwegs erhält Skyla unfassbar wichtige Informationen über die Baumgeister aus Thailand. Wie bereits durch Milan angeschnitten weisen die bunten Bänder auf Geister hin. Die Menschen vor Ort zollen der Geisterwelt großen Respekt. Für gewöhnlich verlässt ein Nang Tani nur ihren Baum, wenn sie jagen geht. Die Bindung von ihrem Zuhause zu kappen erfordert einige Ritual Riten. Einmal begonnen, gibt es kein Zurück mehr. Der verlassene Baum wird nachtragend sein und nicht vergeben. Für Dalika gibt es keinen Zufluchtsort mehr. Andere Bäume werden sie kaum empfangen. Vielleicht mit viel Glück. Die Erfolgschancen steigen, wenn der Nang Tani durch eine Naturgewalt oder Fremdeinwirkung obdachlos wurde. Aber Dalika entschied sich bewusst für diesen Schritt. Ein kaputtes Band hinterlässt fürchterliche Spuren und verändert die Seele negativ. Die dunklen Gefühle und die Reue drohen den heimatlosen Feengeist zu zerfressen. Ein schneller Prozess, denn Skyla besser nicht unterschätzen darf. Unstillbarer Hunger und Zorn werden einen obdachlosen Nang Tani zu einem wahrhaft gefürchteten Monster formen. Um Dalika vor ihrer dunklen Seite zu schützen, muss der Pakt schnellstmöglich erfolgen. Zum Wohle aller! Daher werden sich das Medium und Schutzgeist einig, dass dieser nach Emilies Rettungsaktion erfolgen muss. Und um nicht getrennt voneinander zu agieren, wird Skyla ebenfalls auf der Krankenstation mit Dalika aushelfen. Eine Lösung, die alle Seiten glücklich stimmt. Zumal ein Blick in dem medizinischen Bereich nicht schaden kann. Auf Mission könnte ihr das ein oder andere Wissen schließlich helfen.



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