Kapitel 19
„Raserei.“ Naomi tritt elegant ins Bild und versperrt den Weg zum magischen Tor. „Ein mächtiger Zauber und du erfüllst gerade sämtliche Bedingungen. Interesse?“
„Auf keinen Fall!“, folgt Milans lauter Widerspruch.
Er drängt sich dazu und schiebt Naomi in den Hintergrund. Doch die Hexe hebt entwaffnend die Arme.
„Ich fordere auch keinen Preis für meine Dienste. Da uns der Zauber zugutekommen würde, mache ich auch eine Ausnahme.“
„Raserei blendet die Gefahr aus! Skyla würde sich frühzeitig aufopfern!“, kontert Milan bissig.
Doch Naomi blickt unbeeindruckt hinüber. „An ihrer Seite befinden sich doch zwei fähige Schutzgeister und ein verliebter Narr, der sämtliche Kugeln für sie abfangen würde. Also wo ist das Problem?“
Während Milans Kopf hochrot anläuft, nähert sich Justin mit einem Einspruch: „Die Wirkungsdauer, Naomi. Der Zauber hält nicht mal eine Stunde. Danach verliert Skyla sämtliche Kraft in den Beinen.“
Doch Naomi legt verwundert den Kopf zur Seite, wobei ihr langes Haar über die Schulter fließt. „Ja und? Wir stürmen ein Krankenhaus, dann kämpft sie mit ihrer Macht vom Rollstuhl aus. Doch wir brauchen Monster, daher halte ich mich auch nicht zurück und verwandle meinen Bereich zu einem Alptraum.“
Justin seufzt laut und reibt sich die Stirn, als plagen ihn starke Kopfschmerzen. „Übertreibe es bitte nicht, Naomi.“
„Ich könnte Pflegerin spielen! Es wäre mir eine Freude, Skyla durch das Krankenhaus zu kutschieren“, ruft Sina fröhlich.
Naomi blickt angeödet zu ihr rüber. „War ja klar! Hauptsache, du musst nicht kämpfen!“
Ertappt und mit einem verzweifelten Lachen sinkt Sinas ausgestreckte Hand hinab.
Vielleicht erklärt sich der Zauber von allein und doch erhofft sich Skyla mehr Informationen darüber.
„Erzähl mir mehr, Naomi. Was genau geschieht mit mir, wenn ich mich darauf einlasse? Besteht die Gefahr, dass ich auch Verbündeten schaden kann?“
„Die besteht!“ Milan antwortet schneller und blickt zu ernst für seinen Charakter, als wurde er bereits Zeuge von dem Zauber. „Außerdem wirst du dich an die Zeitspanne, wo der Zauber wirkt, nicht erinnern können. Sobald der Zauber endet, wirst du eine Weile ausgeknockt sein. Dein Geist wäre wirr und wir hätten nicht die Zeit, um dich zu umsorgen. Der Zauber wäre sinnvoller bei einem schnellen Manöver.“
Skyla nickt zustimmend, dennoch will sie im Hinterkopf behalten, dass die Möglichkeit bestehe.
„Naomi, wo werde ich dich finden, sollte ich doch so verzweifelt sein, um auf dein Angebot zurückgreifen?“
Milan keucht erschüttert und wendet sich kopfschüttelnd ab. Die Angesprochene hingegen lächelt erfreut und zieht schwungvoll eine leuchtende Tarotkarte hervor, wo sie mit dem Titel des Weißen Teufels auf einen schwarzen Hintergrund kunstvoll abgebildet wird.
„Ruf mich einfach und ich werde kommen“, flötet Naomi, als sie ihr die Karte überreicht.
„Wunderbar, du verbrüderst dich mit dem Weißen Teufel! Was kann da schon schief gehen?“
Milans beißender Sarkasmus blendet Skyla bewusst aus. Kaum ist Naomis Karte sicher untergebracht, geht es voran zum Portal. Milan pfeift darauf und dreht sich schwungvoll um, schwarze Rauchschwaden kriechen dabei aus seinem Hemdkragen und greifen zum Lichttor. Ein Brüllen hallt durch die Räumlichkeit und Borus riesige Gestalt lässt sich kurz vernehmen. Der Drache prescht voran. Milan hält nun seine Hand auffordernd zu Skyla, die sich von Dalika löst und Kraft findet, eigenständig zu laufen.
„Agnar, gebe mir Deckung!“, ruft Dalika nun und formt aus Ranken einen Speer, den sie durch das Portal wirft und Skyla gemeinsam mit dem Spinnendämon überholt.
„Ich warte drüben auf dich, Hexe!“, ruft Mason und blickt Naomi kurz an, denn der Ex-Soldat scheint das Warten leid zu sein.
„Hey, Mason! Presch nicht einfach vor!“, beschwert sich Sina, doch Naomi lacht erfreut.
„Geh nur, Verfluchter! Ich finde dich und hole dich schneller ein, als dir lieb ist!“
Gemeinsam mit Milan tritt Skyla einem magischen Tor entgegen. Die Anwesenheit des Geisterjägers bestärkt ihr Vorhaben und schenkt ihr das Gefühl, jede Hürde zu meistern. Erneut folgt eine Reise ins Ungewisse. Mias Portale brachten sie jedoch an Urlaubsorte. Ferne Länder mit fröhlicher Atmosphäre. Diese Reise wird anders. Gemeinsam mit Milan wagt Skyla den Sprung. Gegen ihre Erwartung landen die beiden in einem Tunnel aus Licht, der durch endlose Dunkelheit führt. Das Gerüst aus Licht wirkt beunruhigend instabil und mit jedem weiteren Schritt werden Lichtpartikel aufgewirbelt, die hinauf steigen. Stimmen der Vergangenheit werden aufgeschreckt. Gespräche mit Emilie. Je weiter sie schreiten, desto mehr verschmelzen mehrere Momente miteinander und in dem ganzen Stimmengewirr lassen sich kaum noch Informationen herausfiltern. Das Ende des Tunnels erreichen sie durch einen kurzen Sprint und durchbrechen eine Wand, die ihnen nur durch die vielen Risse ins Auge springt. Wie Glas splittert und klimpert die brüchige Oberfläche unter ihren Füßen und gewährt ihnen Zutritt zu ihrem Ziel.
Den Sturz durch die brüchige Wand rollen Skyla und Milan in einem Flur ab. Beleuchtet durch rötliches Warnlicht und begleitet von einer schrillen Sirene. Wie im Training geübt wird das erstbeste Hindernis als Versteck aufgesucht. Da kommt ihnen die Empfangstheke gelegen, um einem Kugelhagel zu entkommen und einen Überblick über das Schlachtfeld zu erhalten. Die perlweiße Rezeption verläuft abgerundet und erhält durch die warmen Farben der LED-Belichtung einen starken Akzent. Sicherlich im Normalbetrieb beeindruckend, aber nun im Warnlicht störend. Die Geräuschkulisse geht bis ins Mark. Kampfgeschrei, Schüsse, Todesschreie und Drachengebrüll hallen durch den Komplex. Der Boden erschüttert und hinter dem Empfang kracht es gewaltig.
Ein Ruck und Milan verhindert, das Skyla das Versteck verlässt. Er reißt sie zu sich hinab. Mit dem Blick auf seine Fee gerichtet. Mia kommt angeflogen und erschafft mit ihrer leuchtenden Magie eine Kopie des Gebäudeplans. In all dem Lärm versteht Skyla nur Wortfetzen von Mia, doch Milan lauscht seiner kleinen Begleiterin angestrengt und nickt. Als ahne er, wie wenig Skyla mitbekommen hat, beginnt er mit der Zeichensprache, die Justin ihnen eingerichtet hat. Aufmerksam beobachtet Skyla seine Finger, wie er ihr vor Augen hält, dass acht Feinde sich in ihrer Umgebung befinden. Verteilt. Davon rechts drei und links nur zwei. Der Rest agiert im Hintergrund. Skyla gefriert das Blut in den Adern, als von links Boru heran rauscht. In seinem Maul steckt ein halber Körper. Damit stehen die Chancen gut, dass nur noch ein Gegner sie zur Linken erwartet. Der Panzer von Boru zeigt sich äußerst robust. Kugeln prallen einfach ab und werden zurückgefedert. Dem Drachen scheint die Munition nicht zu kratzen. Obwohl Boru zu ihren Verbündeten gehört, zieht Skyla scharf die Luft ein, als der Drache sie passiert. Das Geschöpf bringt solch eine starke Hitze mit sich, dass die Atemwege angegriffen werden. Skyla keucht und fürchtet, in der Nähe des Drachens zu verbrennen. Doch zum Glück ist Boru trotz seines Alters schnell und die Temperatur kühlt wenig später ab.
Milan übernimmt das Kommando. Er bevorzugt die geschwächte Seite von seinem Schutzgeist. Kaum verlässt er das Versteck, erhebt sich Skyla und erfasst die Gefahr schnell. Ihre Macht befördert den Soldaten direkt an die Wand, von wo Milan ihn mit einem Kopfschuss beseitigt und sich das Sturmgewehr des Feindes aneignet. Ein Blick zum Gang hinter ihnen zeigt Nadine, die eine Rauchgranate zurückbefördert und ein ganzes Team an Sicherheitsbeauftragten verhüllt. Keiner der Anwesenden kleidet sich wie ein Paladin. Das Sicherheitspersonal wirkt zu gewöhnlich und überfordert mit ihnen. Daher fühlt sich Skyla im falschen Film. Doch kein Teammitglied zweifelt an Naomis Zauber. Ohne Scheu springt Dalika mit einem Speer ins Getümmel. Schreie lenken Skyla kurz ab, doch Mia vergibt eine Aufgabe. Der Schalter, an dem sie ruhen, weist ihnen den Weg. Die Patientenakten sollen Emilies Aufenthalt entlarven. Daher pflanzt sich Skyla auf einen Stuhl und macht sich auf die Suche nach Informationen. Gemeinsam mit der Fee, die das Passwort am Rechner ruckzuck knackt. Naomis Zauber brachte sie zum Glück direkt auf die richtige Station. Kaum springt die Zimmernummer Skyla ins Auge, erhebt sich diese trotz Mias Ruf. Die Fee verpetzt sie an Milan und schon nimmt er die Verfolgung gemeinsam mit Skyla auf.
Laut der Beschilderung müsse sich Emilies Zimmer ganz nah befinden. Skyla sieht unterwegs die Hexe mit dem französischen Akzent, deren Begleitung sich als ein Vogel in Flammen präsentiert. Ein ungewöhnlicher Schutzgeist. Etwas größer als ein Papagei. Mit prunkvoll langen Federn, die sich zum Ende hin leicht biegen. Das Federkleid schimmert und steht in Flammen, die Brust drückt das Tier auffällig hinaus und reckt den langen Hals in die Höhe, womit der Schutzgeist einen majestätischen Eindruck hinterlässt. Das Abendkleid, was die Dame trägt, lässt ihren tödlichen Tanz mit Flammen wahrlich traumhaft ansehen. Die Hexe dreht sich schnell und geschickt, sodass sie die Paladine einfach mit perfekter Beinarbeit überrumpelt. Die Dame verlässt sich nicht nur auf ihre Magie, sondern hat sich ebenfalls der Kampfkunst angeeignet. Gnadenlos nagen ihre Flammen nicht nur am Sicherheitspersonal, sondern auch den Ärzten. Zuerst wirkt die Gruppe ihrem Feind überlegen, doch das Blatt ändert sich schnell. Strategisch gehen die Leute nun vor und lösen die Sprinkleranlage aus, dessen Aktion die Feuermagie der Hexe schwächt und den Feuervogel zu Boden drängt. Doch Skyla unterstützt als Teammitglied und befördert jeden Feind von der Hexe fern, der ihr gefährlich nah in die Quere kommt. Auch Milan vergibt Feuerschutz und schnappt sich eine Decke von einem Beistellwagen beim Vorbeigehen, die er der Hexe über den Kopf wirft, um sie vor dem Wasser zu schützen. Ein wahrer Gentleman. Skyla kann sich gut vorstellen, dass die Damenwelt ihm schnell verfällt.
Dankbar nickt die feurige Hexe ihnen zu und sucht Schutz hinter einem Verbandswagen. Skylas Schutzschild gegen den Kugelhagel wird wirkungslos, als die Sicherheitsleute per Knopfdruck die Munition ändern. Ihre Geschosse reißen bedrohliche Löcher in ihre Macht und durchbrechen das Schild. Einschlaglöcher im Boden zeigen sogar eine schmelzende Wirkung, die Skyla kurz erstarren lässt. Zum Glück verweilt Agnar in der Nähe. Seine Fäden schnappen sich die Mehrheit der Feinde und lassen diese an der Decke und an den Wänden kleben. Milan prescht schließlich vor und schaltet die restlichen vier Feinde schnell aus. Ein Griff hinab und er zerschießt mit der schmelzenden Munition drei Kameras in ihrer Nähe.
„Nicht einfach stehen bleiben!“, rügt er Skyla aus der Ferne.
Skyla nickt einsichtig. Statt einem Wortwechsel schnappt sich die rothaarige Hexe ihren Schutzgeist und stürmt aus dem Sprühregen. Skyla stört die Nässe eher weniger. Denn das Ziel befindet sich in greifbarer Nähe. Ein Blick auf die Zimmertüren zeigt, dass die Patienten wie Gefangene gehalten werden. Dicker Stahl und Sicherheitsglas scheinen normale Sicherheitsvorkehrungsmaßnahmen Vorort zu sein. Milan erreicht die Nummer zweihundertdrei und betrachtet das Menüfeld.
„Eine Chipkarte scheint von Nöten zu sein.“
Skyla belächelt seine Aussage und wendet ihre Macht an. Die Tür beult sich nach innen und wehrt sich gewaltig gegen die Krafteinwirkung. Die Sicherheitsvorkehrung hält mehr Stand, als Skyla vermutet hatte. Dennoch gibt die Tür nach und lässt sich aus der Angel reißen. Respektvoll weicht Milan dem schweren Stahl aus. Die Aktion erforderte viel Energie. Skyla fürchtet daher, dass sie nicht jede Tür auf dieser Etage geknackt bekommen wird.
Milan sichert kurz die Tür und schaut fordernd rüber zu Skyla. Mit flauen Magen folgt sie ihm hinein in eine recht unbequeme Zelle ohne Fenster. Die Wände sind gepolstert und die Ausstattung notbedürftig. Blutspuren malen sich von einem Waschbecken über die Wände bis hin zum Bett. Vorzufinden ist ein leerer Raum und doch verharrt Skyla an Kettenbändern. Skyla fürchtet, die Patienten werden gewaltsam fixiert und gefesselt. Sie mag sich nicht vorstellen, welchen Horror Emilie die letzte Zeit durchleben musste. Die unheilvolle Stille zwischen Milan und ihr durchbricht Mia, die hereingeflogen kommt.
„Dickköpfig trifft es nicht mal ansatzweise für euch beide! Laut der Patientenakte wurde Emilie zu den Operationssälen gebracht.“
Mia öffnet den Mund, als wolle sie mehr sagen, doch allein der Blick wird trübe. Die Fee schüttelt den Kopf und bringt kein Wort mehr über ihre Lippen. Nur kurz lässt Skyla ihren Kopf hängen und spürt die Verzweiflung, die über sie herfällt.
„Wo liegen die Operationssäle?“ Agnar tritt ein und fixiert bewusst Mia an. „Kannst du uns dort hin führen?“
„Ich kann. Aber was ist mit den anderen Patienten? Sie verdienen die Freiheit und könnten unsere Kampfkraft steigern.“
Mias Stimme verliert an Kraft und noch immer meidet sie den Blickkontakt.
„Die Befreiung kann ein anderer übernehmen. Einige Mitglieder haben sich bereits schon verteilt. Justin schnappte sich die Chipkarte und die rechte Hand vom Oberarzt“, berichtet Agnar von seinen Beobachtungen.
Skyla erschaudert und hofft auf einen Scherz. Doch Justin kann skrupellos werden und jemanden eine Hand abzuschneiden würde ihn nicht scheuen.
„Ich denke, Justin wird sich um die Befreiung kümmern“, mutmaßt Agnar.
„Dalika und Nadine sollten uns begleiten“, findet Skyla.
Ihr Spinnendämon nickt und verspricht: „Meine Brüder und Schwestern werden die Botschaft ausrichten und die beiden zu uns lotsen.“
Skyla bleibt das Lob im Hals stecken, denn ein schriller Ton vibriert schmerzhaft durch ihren Körper und zwingt sie schreiend auf die Knie. Die Hände mögen das Gehör verdecken und doch verspricht die Maßnahme keinerlei Linderung. Der quälende Ton findet andere Weg und lässt sie Blut schmecken. Bei all dem Lärm bleibt kein Raum für irgendeinen Gedanken. Das Bewusstsein droht wegzubrechen, da der Körper der Lage kaum länger standhalten kann.




































































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