Kapitel 20

Mit Ach und Krach wird der schrille Ton lahmgelegt. Eine Erschütterung rüttelt Skyla wach. Sie findet sich auf dem Krankenbett wieder und gerät in Panik, als sie über sich die Handschellen ausmacht. Mit klopfendem Herzen stemmt sie sich auf, um schnell wieder runtergedrückt zu werden. Skyla will sich wehren, doch dann registriert sie Milan über sich. Dieser hält sie mit einer Hand unten und mit der anderen streicht er beruhigend übers Gesicht.
„Hey.“ Er lächelt sanft. „Geht es wieder? Ich glaube, Justin hat sich um diesen widerlichen Sound gekümmert.“
Ein Schulterblick entlarvt das Hirngespinst. Die falsche Annahme, die Handschellen wären in Benutzung. Die Erleichterung lässt den Körper kurz entspannen. Auch Milan folgt ihrem Blick.
„Oh, hast du geglaubt, ich hätte dich festgebunden? Naja, verdenken kann ich es dir nicht. Vielleicht bist du ja später mal offener dafür, wenn wir uns im Zimmer zurückziehen. Das gibt dem Ganzen doch auch einen gewissen Reiz.“
Schnell befreit sich Skyla aus seinen Fängen und boxt ihn spielerisch gegen die Schulter mit einem Ekellaut, was Milan eher zum Lachen bringt.
„Dein Blick, Skyla. Göttlich!“

„Welch falsche Annahme, zu glauben Justin hätte sich um das Problem gekümmert!“ Mit beleidigter Mine tritt Dalika ein. „Dabei zerstörte Nadine die Technik, die den begabten Menschen schadet.“
Eine Drehung und ihre Züge werden sanfter. Nadine klammert sich am Türrahmen und löst sich zögerlich, um sich schnell an Dalika zu schmiegen. Ein rührendes Bild für Skyla. Ein Blick auf Milan zeigt jedoch, wie er den beiden misstraut. Er visiert sie wie ein Jäger seine Beute an. Angespannt sitzt er am Bettrand, als überlege er, gegen die beiden vorzugehen. Zum Glück spricht Agnar einen wichtigen Punkt an.
„Die Sicherheitsleute im Gebäude sind nicht darauf vorbereitet, sich mit Angreifern auseinanderzusetzen. Sicherlich haben die Leute diesen Job nicht ernst genommen, denn für gewöhnlich überwindet nichts ihre Mauern. Damit wurde uns ein leichter Start gewährt. Das wird sich in den nächsten Minuten ändern. Unsere Siegeschancen schmälern sich mit den Minuten, schließlich übernimmt ein Spezialteam. Profis, die bereits im Bilde der Lage sind und aus der Ferne mit miesen Tricks agieren. Darunter solch eine gefährliche Frequenz. Daher schlagt keine Wurzeln! Die ersten Einheiten haben schließlich schon das Gebäude umstellt und die unteren Etagen werden nach und nach gesichert.“



Auffordernd streckt Agnar seinen Arm aus und mit blindem Vertrauen greift Skyla auf seine helfende Hand zurück. Ein dankbares Nicken und Skyla schreitet Richtung Tür. Doch vorher wuschelt sie Nadine kurz durchs Haar.
„Ich schulde dir was, Nadine. Ich dachte schon, mein Kopf explodiert.“
Das Kind nickt zögerlich, bevor sie sich dazu äußert: „Die Technik könnte lästig werden. Auch für Geister und Dämonen. Sie haben uns auf Kamera, vielleicht bestehe die Möglichkeit, den Spieß umzudrehen. Das Reisen durch Spiegel fällt mir leicht. Vielleicht gelange ich durch die Kameras in den Kontrollraum.“
Es klingt nach einem Plan. Nadine beweist sich als kleines teuflisches Genie. Sollte sie Erfolg haben, wäre das hilfreich.

Ein Pfeifen lässt Skyla zusammenzucken. Sie dreht sich zu Milan, von dem sie den Laut vermutet. Tatsächlich lächelt er ihr frech zu und schiebt sie aus dem Zimmer raus.
„Dafür haben wir keine Zeit, Skyla. Spring auf.“
Er spricht in Rätseln.
„Spring auf?“, wiederholt sie ihn daher.
Doch statt eine Erklärung zu liefern, fängt er sie mit dem Arm ein und lehnt sich zurück. Sein freier Arm packt zu und plötzlich reißt sie etwas mit einem Affenzahn fort. Skyla drückt sich unbewusst näher an Milans Brust und fühlt sich wie auf eine Achterbahn. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich in einem schwebenden Zustand befindet. Nicht sitzend. Die Farben verschwimmen und der gewaltige Druck auf dem Körper erschwert das Atmen. Ohne Vorwarnung lässt Milan schließlich los und schwebt sanft mit Skyla zu Boden.

Im Hintergrund brüllt Boru und Feuer breitet sich explosionsartig aus. Ein Blick auf die Beschilderung und Skyla erfährt, dass sie die Operationssäle erreicht haben. Panisch flüchten Ärzte und Assistenten aus den Räumen. Milan greift zur Waffe und verkündet zuerst Warnschüsse. Schließlich richtet er die Waffe auf all die Leute. Ohne Gewissen knallt er die ersten Menschen ab, sodass Skyla handelt und ihn zur Seite reißt. Ungeachtet, dass viele die Chance nutzen und fliehen.
„Hey! Wer gibt dir das Recht über all diese Leute zu richten? Kannst du ihre Schuld bezeugen? Vielleicht weiß die Mehrheit gar nicht, worin sie verwickelt sind oder…“
Milan lächelt bitter. So wie in Momenten, wenn sie seine Monster verteidigt. Kurz wendet er sich ab, um die nächsten Leute nieder zu strecken. Einige greifen zu Waffen. Operationswerkzeuge, doch Milan erschießt einen jeden, der sich nähert.




Da Skyla ihre Zweifel halb ausgesprochen lässt, knallt er ihr Vorwürfe an den Kopf: „Ein bisschen spät für Zweifel und den Wunsch nach Gerechtigkeit. Aber, um dein Gewissen zu besänftigen, versichere ich dir, ein jeder hier hat Dreck am Stecken. Ohne Ausnahme! Jeder, weiß, worauf er manch sich in dieser Branche einlässt. Drehe dich weg, wenn es sein muss. Ich habe zu viele gute Leute an den Orden verloren. Auch Emilie haben sie getötet und ausgebeutet!“
Der letzte Teil erschüttert Skyla, denn es klingt, als sei er von Emilies Tod überzeugt. Ruckartig schwingt sie den Kopf rüber zu Mia, die neben Milan schwebt. Ertappt zuckt die Fee zusammen und zieht den Kopf ein. Als suche sie sich schnell Ablenkung, fliegt sie eilig davon.

Beweise müssen her. Skyla will sich selbst überzeugen und drängt sich in den ersten Operationssaal. Ein jeder Mensch, der sie angreift, wird zu keiner Hürde. Niemand scheint mit Kampferfahrung zu punkten. Doch statt Vernichtung, konzentriert sich Skyla auf die Abwehr und blendet den Rest aus. Stattdessen steuert sie die halb ausgebeutete Seele auf dem Operationstisch an. Ein Blick auf die beschrifteten Kühlboxen und ihr wird schlecht. Das Opfer: Ein junger Mann. Geschätzt Mitte dreißig Jahre. Dunkles Haar. Markantes Gesicht. Sportliche Statur. Großgewachsen. Er wirkt gesund und scheint noch am Leben zu sein. Ein Blick auf die Maschinen zeigt Vitalwerte. Und doch ist sein Brustkorb geöffnet und teilweise geerntet. Zum Glück befindet er sich nicht beim Bewusstsein. Er mag ihr fremd sein und doch erlaubt sie es sich, nach seiner Hand zu greifen und ihn zu streicheln. Mitleidig blickt sie auf ihn herab. Es könnte Milan oder Justin sein, der dort liegt.

Im Flur scheint die Hölle los zu sein, doch Skyla nimmt sich den Moment für die arme Seele. Dabei bekommt sie Gesellschaft von Dalika, die eine umfangreiche Akte in ihren Händen hält.
„Kein Hirntod. Gesund und nicht erkrankt. Das ist Mord.“
Skyla nickt erschüttert und blickt auf. „Leber und Milz fehlen. Sag mir, wissen die Leute hier wirklich, was sie den Menschen antun?“
Mit mitleidigem Blick legt Dalika die Mappe auf einen Beistelltisch und tritt an sie heran. Sie streichelt Skyla liebevoll über den Rücken.




„Justin hatte euch gewarnt. Aber du warst mit den Gedanken woanders. Ich mag kein Spezialist sein und zu wenig Erfahrung aufweisen, doch verschaffe mir Zeit und wir retten diese Leben. Es mag mir zwar widerstreben, mich von euch zu distanzieren, doch ich kann die Organe annähen, sofern diese nicht fort sind. Ich bringe die Leute an einen Ort fern für die Menschen. Ein Übergang, um sie schließlich in gute Hände zu überreichen. Mehr kann ich nicht tun. Soll ich mit ihm anfangen oder willst du zuerst Emilie finden?“
Skyla blickt entschlossen auf und will zur Tat schreiten. „Fang mit ihm an, ich mache mich auf die Suche nach Emilie! Retten wir sie als nächstes!“
„Agnar! Schütze unsere Blume! Mit allen Mitteln! Ich komme klar! Auch auf dich verlasse ich mich, Nadine“, richtet Dalika das Wort an ihre Gefährten.
„Verstanden!“, meldet sich Nadine am Ende des Raums.
Während Agnar schweigend neben dem Geistermädchen steht und geduldig auf Skyla wartet.

Kaum befindet sich Dalika allein, schließen sich die Türen und ein dickes Wurzelgeflecht wächst vor diesen hinauf zu einer Wand. Viel zu tun gibt es nicht, denn eine gespenstige Stille liegt vor ihnen. Ein Schlachtfeld voller Leichen. Skyla steigt über die Toten und erkundet die nächsten Operationssäle. Acht auf dieser Etage. Ein jeder in Gebrauch. In jedem Raum ein Anblick des Grauens. Panik keimt in Skyla, denn ihre Suche bleibt erfolglos. Am vorletzten Operationssaal kommt Mia herbei geflogen. Ihre Stimme zittert, als sie nach Skyla ruft.
„Setz dich doch bitte.“ Milan scheint ebenfalls geduldig gewartet zu haben und schiebt einen Hocker mit Rollen zu ihr. „Mia ist die Unterlagen durchgegangen und du solltest dir etwas anhören.“
Doch Skyla ignoriert ihn und vergewissert sich mit eigenen Augen. Stumm schreitet sie hinaus und stellt auch im nächsten Raum mit Entsetzen fest, dass Emilie nicht auffindbar ist. Nicht bereit länger am Ort des Grauens zu verweilen, begibt sie sich in den Flur und lehnt erschöpft an der Wand. Sie will die Wahrheit nicht hören, denn sie ist überzeugt, diese zu kennen. Die bittere Pille des Versagens. Vielleicht selbstverschuldet, denn Emilie könnte ein Opfer durch die Veränderung der Zeitlinie sein.



Milan erweist sich als Nervensäge, denn er verweilt direkt neben ihr. Stützend liegt seine Hand auf ihrem Arm.
„So sind wir ein gefundenes Fressen. Wir sollten uns nicht so offensichtlich präsentieren“, rät er ihr.
Doch sie hebt erschöpft den Kopf und kann nicht anders, als nachzufragen: „Wann fand Emilie den Tod?“
Milan fährt sich durchs Haar und antwortet mit leerem Blick: „Schon gestern.“
Wut füllt den Bauch. Die Wand neben Skyla gibt nach. Da, wo ihre Hand liegt, beult sich das Gemäuer zu einer Kugel. Sie sieht rot und wünscht sich, endlich auf Paladine zu treffen. Auf Ordensmitglieder, die ihren Zorn ernten dürfen.
„Wo finden wir ihr Leiche, Milan? Ihre Familie hat ein Recht sich zu verabschieden!“
Er blickt, als wolle er ihr widersprechen, doch kaum öffnet er den Mund, schließt er diesen einsichtig.
„Also auf zur Leichenhalle.“ Mia klingt nah. „Gebt mir einen kurzen Moment und ich weise euch den Weg.“
Skyla nickt und tut sich schwer mit den Gedanken, Dalika zurückzulassen. Doch dem Nang Tani obliegt eine viel wichtigere Aufgabe. Skyla hofft, ihr Schutzgeist kann so viele Leben wie möglich retten.

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