Kapitel 23
Dunkle Wolken vertreiben die strahlende Sonne und die Temperatur sinkt auffällig. Ein Blick auf Emilie und Skyla glaubt, das Wetter richtet sich nach der Laune ihrer Freundin. Selten verliert Emilie ihre Fröhlichkeit, nun aber umschlingt der Lockenkopf ihren Körper mit den Armen, als friere sie bitterlich. Das süße Gebäck vor ihnen wird nicht angefasst, was zu einer Naschkatze wie Emilie nicht passt. Ihre Freundin wählte nach einem langen Spaziergang durch ihre Heimatstadt einen Besuch in ihrem Lieblingscafé. Da Emilie eine Schwäche für Süßspeisen hegt und sie sich all die vielen Details ihrer Lieblingsorte gut einprägen kann, fühlte es sich tatsächlich danach an, in der gewohnten Stadt herumzuwandern. Nur die dunklen Straßenteile riefen Skyla vor Augen, dass alles nur Schein und Trug sei.
Ihr Gespräch war lange unbeschwert und die beiden Freundinnen amüsierten sich wie in alten Zeiten. Dann aber fordert Emilie die Wahrheit über Skyla. Alles will Emilie in Erfahrung bringen, und als sie sich nach ihrer Familie erkundigt, zeichnet sich Schmerz und Trauer in Emilie wieder. Kaum kullert die erste Träne hinab, fallen die ersten Regentropfen. Emilie schüttelt heftig den Kopf und faltet ihre Hände, als führe sie ein stilles Gebet.
„Tamir! Was tust du nur?“
Mit fünf Brüdern wuchs Emilie auf und es hörte sich immer an, als wolle sie nicht viel mit ihnen zu tun haben. Emilie ergriff oft die Flucht und hielt sich von ihnen fern, sofern dies möglich war. Daher lässt sich ihre Reaktion schwer einzuschätzen. Skyla hatte nie gefragt. Vielleicht, weil sie sich immer einen Bruder gewünscht hat. Als Einzelkind war sie immer das Zentrum der Familie. Alles viel auf sie zurück. Auch die hohen Erwartungen. Manchmal hätte sich Skyla gewünscht, die Bürde zu teilen. Lukas mag viel Zeit mit ihr verbracht haben und teilweise füllte er die Leere in ihrem Herzen. Doch zu schnell vergingen seine Besuche. Selbst dann, wenn er Wochen bei ihnen verblieb, weil sein Vater immer viel auf Geschäftsreise war.
„Wie war dein Verhältnis zu Tamir, Emilie?“
Die Frage geht Skyla nur schwer über die Lippen. Schließlich waren die Begegnungen mit Tamir prägend. Er wünscht Skyla den Tod und seine Attentate konnten nur dank Lukas und ihren Dämonen verhindert werden. Sicherlich bringt er auch weiter noch Ärger.
In Erinnerung schwelgend heben sich Emilies Lippen. Emilie streicht sich die Tränen langsam aus dem Gesicht und holt tief Luft.
„Er war immer für mich da. Er verstand mich besser als jeder andere. Und selbst wenn ich nicht gefunden werden wollte, wusste er mich zu finden. So wie du Lukas brauchst, gab mir Tamir immer Halt. Er behandelte mich wie eine Prinzessin und war immer nett zu mir. Ab der achten Klasse hatten wir einen Tiefschlag. Ein Junge brach mir das Herz.“
Emilie pausiert kurz und ihr Blick verirrt sich in den Wolken. Für Skyla keine neue Information. Emilie hatte viele Beziehungen. Oft mit den Falschen. Alles oberflächige Typen, die nur ihren Spaß mit ihr haben wollten. Niemand der ihre sanfte und liebenswürdige Art zu schätzen wusste.
Emilies Augen fallen hinab und sie fixiert ihre Freundin.
„Weißt du, du hast so viele Ähnlichkeiten mit Tamir. Auch er fletschte immer die Zähne und spielte meinen Bodyguard. Diese eine Beziehung hat mir viel bedeutet und die Trennung war ein kleines Drama. Ich war so am Boden zerstört und wollte kaum mehr zur Schule. Tamir konnte sich das kaum länger ansehen. Er kam in meine Klasse. Vorbereitet. Denn er schlug nicht nur mit der Faust zu, er warf mit gemeinen Wahrheiten und Geheimnissen seines Opfers um sich. Er machte den Typen vor der gesamten Schule lächerlich und bedrohte ihn. Es eskalierte so sehr, dass mein Bruder von der Polizei abgeholt wurde. Ich war so wütend auf Tamir. Er wollte mir nur helfen und ich bestrafte ihn mit Ignoranz und Undankbarkeit. Für Tamir war die Bestrafung so hart, dass er mich anflehte, ihm zu verzeihen. Er würde nie wieder so ausrasten versprach er mir. Ich ließ mich darauf ein und irgendwie war alles wieder gut. Bis er die Rückschläge unserer Freundschaft sah. Ich hätte es wissen müssen und entschuldige mich für ihn. Da war diese Wut in seinen Augen, wenn ich von unseren Treffen sprach. Aber ich war so überzeugt, er hält sich eisern an unserer Versprechen.“
Skyla seufzt und will den Moment eigentlich nicht zu Nichte machen. Dennoch gesteht sie: „Das ist zwar lieb, Emilie. Aber irgendwie habe ich es auch verdient. Ich konnte einfach nicht ehrlich zu dir sein und mein erwachter Fluch machte mir mein Leben zur Hölle. Ich war oft gemein dir gegenüber.“
Kaum ausgesprochen schnappt Emilie ihre Hände und drückt diese sanft.
„Ist okay.“
Mit Würde und mentaler Stärke klingt Emilie überzeugend. Doch Skyla weiß es bereits besser und schüttelt den Kopf.
„Ich weiß von deinem Bruder, wie sehr du darunter gelitten hast. Daher war es nicht okay.“
Geschlagen zieht Emilie die Hände zurück. Ihr Blick wird trübe. Die Stimme zittert, als sie versichert: „Ich habe damit abgeschlossen. Wirklich.“
Müde hebt sie den Kopf und gönnt sich einen tiefen Atemzug. Als reiche das nicht, klatscht sie sich die Hände gegen die Wangen und erwacht aus dem Strudel trauriger Gedanken.
Das süße Puddinggebäck verdrückt Emilie in Nu und Skylas Gabel wird ebenfalls ergattert. Emilie stibitzt einen Bissen vom cremigen Käsekuchen und zwinkert frech.
„So, jetzt sind wir quitt.“
Skyla belächelt den Gedanken, zumal doch alles doch nur reine Einbildung sei. Der Kuchen existiert nur in ihrem Kopf. Auch wenn Geschmack, Geruch und Konsistenz überzeugend wirken, halten die dunklen Stadtteile ihr immer noch vor Augen, dass sie sich in einer Art Matrix befinden. Erschaffen von Emilie. Dennoch schiebt sie ihren Teller rüber zu ihrer Freundin und schlägt auffordernd vor: „Bediene dich. Das wäre nur fair.“
„Sicher? Der ist unfassbar gut!“
Zum Beweis gönnt sich Emilie den nächsten Bissen und lässt diesen genussvoll auf der Zunge zergehen.
Da Skylas Blick umhergleitet, auf der Suche nach einem Ausgang, erkundigt sich Emilie: „Alles gut?“
„Glaubst du, ich entkomme dem Tod? Wäre gut, wenn ich es hier raus schaffe und noch ein paar Ritter in die Luft jage.“
Nie käme ihr in den Sinn, dass ihre Frage Emilies Gemüt trübt. Mit tränenden Augen lässt ihre Freundin die Gabel sinken.
„Du willst schon gehen?“, erkundigt sich diese keuchend.
„Nein!“ Skyla kommt mit Ehrlichkeit. „Ich mag das hier genießen, Emilie. Aber ich fürchte, je länger ich bleibe, desto geringer wird meine Chance, zurück ins Leben zu kehren.“
„Du wirst erwachen! Ich sorge persönlich dafür!“, verspricht Emilie. „Aber ich fordere einen Gefallen!“
Skyla wird hellhörig. Das klingt nicht typisch nach ihrer Freundin. Emilie stellte bislang nie Bedingungen.
„Lass hören!“
Das Misstrauen lässt sich sicherlich raushören, daher zögert Emilie auch sicherlich mit der Antwort. Ihre Augen hellen auf und der Geist wirkt fern, als müsse sie alles überdenken. Es wirkt fast, als habe Skyla ihr Selbstvertrauen niedergemäht. Daher seufzt Skyla tief.
„Hey, ist okay, Emilie. Du bittest mich so gut wie nie um einen Gefallen, also worum geht es?“
Zitternd faltet Emilie die Hände zusammen und tut sich schwer mit der Antwort. Kein gutes Zeichen. Dann scheint es ernst zu sein.
„Ich weiß, mein Geist verweilt zu lange im Reich der Sterblichen. Aber ich wollte auf dich warten und hatte einfach zu viel Angst vor dem nächsten Schritt.“
Skyla nickt. Noch mag sie in der Ausbildung zum Geisterjäger sein und noch zu wenig Ahnung mit der Thematik haben, aber der Ursprung für all die hungrigen Kreaturen entsteht sicherlich aus solchen Gründen, weil es den armen Seelen schwerfällt, loszulassen. Skylas Hand wandert unweigerlich zu ihrem Herzen hinauf. Sie erinnert sich an die arme Seele des Feuerartisten. Ein Mensch voller Leidenschaft, der zu einem Feuerwesen wurde und Agnars Revier eroberte. Sie als Medium kann vielleicht die Ruhelosen besser verstehen, denn bei einer Absorbierung der Seele nimmt sie auch die ganzen Gefühle und Erinnerungen in sich auf. Noch viel schlimmer wäre der Gedanke, dass eine so zarte Seele wie Emilie zu einem Monster mutieren würde.
Als Emilie den Kopf schief legt, bemerkt Skyla, wie auffällig sie sich verhält. Auch Skyla zittert. Weil sie sich an vergangene Emotionen von ihrer Beute erinnert. Daher schnappt sich Skyla die Hand ihrer Freundin und blickt ihr tief in die Seele.
„Ich flehe dich an, Emilie, bette dich zur Ruhe. Habe keine Angst vor dem nächsten Schritt. Es ist wichtig, dass du abschließt, denn ich hatte bereits mit einigen Ruhelosen zu tun und bin selbst im Vertrag mit Dämonen. Ich habe gesehen, was aus ihnen wurde. Ich weiß leider noch zu wenig über die Entwicklung eines Ruhelosen, doch ich garantiere, es ist nicht schön.“
Emilie nickt mit Tränen in den Augenwinkeln. Sie schnieft und doch setzt sie zum Widerspruch an.
„Ich weiß, dass ich mich zur Ruhe betten müsste. Aber Tamir hat mich immer beschützt und über mich gewacht. Jetzt liegt es an mir, meinen Bruder vor der Dunkelheit zu retten.“
Skyla schüttelt enttäuscht den Kopf. „Nein! Das kann ich für dich übernehmen.“
Emilie lächelt matt und schüttelt ebenfalls den Kopf. So heftig, dass ihre perfekten Locken ebenfalls vor Protest wippen.
„Wenn Tamir rot sieht, dann erreicht ihn fast niemand. Besonders keine außenstehende Person.“
Vielleicht hat Emilie Recht, doch, was sie plant, bedeutet sicherlich ewige Verdammnis im Reich der Sterblichen.
„Emilie!“ Skyla schimpft zu sanft. Doch die Strenge ihrer Mutter kann sie nicht gegenüber Emilie zur Waffe nehmen. Nicht bei einer so zarten Seele. „Tu das nicht! Du würdest damit nur deine Chance auf Frieden verbauen. Es gäbe kein Zurück für dich! Du würdest den Schritt nur bereuen!“
Statt beleidigt zu wirken, wie Skyla vermutet, lächelt Emilie voller Zuversicht.
„Aber wenn Familie und Freunde in Not sind, dann bin bereit, alles aufzuopfern. Selbst mein eigenes Glück. Meine Entscheidung steht, Skyla. Nun brauche ich deine Hilfe. Bringe mich bitte zu Tamir. Du sagtest, du könntest Seelen an dich binden? Dann nimm mich in Vertrag. Solltest du mich nicht haben wollen, dann nimmt mich sicherlich Tamir bei sich auf.“
Erschüttert löst sich Skyla. Ihr Körper erhebt sich und nimmt Abstand. Der Regen nimmt zu und obwohl beide Freunde nass werden, sucht keiner der beiden Schutz im Trocknen. Zu sehr verzweifelt Skyla an der Sturheit ihrer Freundin, auch wenn sie die Gründe gut verstehen kann. An Emilies Stelle hätte sie sicherlich so reagiert. Lukas kommt der Rolle eines Bruders ebenfalls sehr nah und wenn sie in Emilies Lage stecken würde, würde Skyla auch nicht zögern, um Lukas vor der Dunkelheit zu bewahren. Doch als Geisterjägerin müsste sie diesen Schritt verhindern und alles daran setzen, um Emilie davor zu bewahren. Erneut führen ihr Herz und ihr Verstand einen Kampf. Ein dicker Kloß entsteht im Hals und das Herz beginnt fürchterlich zu schmerzen. Emilie erhebt sich und läuft mit durchgestreckten Rücken und erhobenen Kopf zu ihrer Freundin. Die Arme heben sich und Skyla lässt es zu, von Emilie feste umarmt zu werden. Der intensive Rosenduft haftet noch immer an ihrer Freundin und obwohl Geister Kälte bringen, füllt sich Skyla in Wärme gehüllt. Emilies Tränen stecken an und die Mauer der Stärke fällt. Skyla lehnt sich an Emilie, lässt sich auffangen, obwohl dies eigentlich ihrer Freundin gegönnt sein sollte. Es sollte Skyla sein, die Emilie nach der Gefangenschaft und Ausbeutung Trost spendet. Doch Emilie war schon immer die Stärkere. Eine junge Frau, die viel mehr Last trug, als es den Anschein machte. Weil sie ebenfalls eine seelische Stütze hatte. Eine von der Skyla nie wusste. Eine die es nun zu retten gilt.
„Retten wir Tamir.“
Noch immer fühlen sich die Worte falsch an, doch Skyla will ihre Freundin nicht erneut in Stich lassen. Emilie lächelt unter Tränen und nickt dankbar.
„Heißt das, du nimmst mich unter Vertrag?“
Ob Skyla die nächsten Worte bereuen wird? Zumal sie noch immer sehr unerfahren ist, obwohl sie doch so viele Schutzgeister besitzt.
„Natürlich, Emilie. Wenn dies dein Wunsch ist, werde ich zu deinem neuen Zuhause. Sollte dich Tamir aber behalten wollen, dann versuche ich, dich an ihn zu übergeben. Sofern all das deinem Willen entspricht. Daher frage ich dich: Bist du dir wirklich sicher?“
Statt die Sache noch mal gut zu überlegen, betrachtet Emilie sie mit einem Ausdruck, der ihren Tatendrang und ihre Entschlossenheit präsentiert.
































































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