Kapitel 24

Kaum verbinden beide Freundinnen die Hände miteinander, wundert sich Skyla über die zarte Haut ihrer Freundin. Ungewöhnlich für eine Köchin.
„Also?“ Emilie zieht sich ein Stück hinauf und reißt Skyla somit ein wenig hinab. „Wie setzen wir den Vertrag auf?“
Ein Vertrag. Skyla besitzt drei Schutzgeister und irgendwie war jeder Vertragsschluss ein ganz anderer Ablauf. Für einen Außenstehenden spricht Skylas Anzahl an Beschützer sicherlich für Erfahrung und vielleicht sogar für Macht, doch in Wirklichkeit war ein jeder Pakt ein Akt der Verzweiflung. Eine missliche Lage, die zu einem Bund führte. Angefangen mit Kai, der ihr regelrecht von Justin aufgedrängt wurde.

Oh, was wird Emilie nur von ihrer kleinen Bestie aus Plüschwatte halten?
Skyla graut es davor, ihr Kai vorzustellen. Doch er wurde nun mal ein Teil ihres Lebens und da Skyla wenige Einblicke über seine grauenvolle Vergangenheit erhielt, mag sie Gnade mit ihm walten lassen.
„Kleine Blume.“
Verwirrt dreht Skyla ihren Kopf nach rechts und staunt über Dalikas Erscheinungsbild. Getarnt als Mensch. Wie damals auf der Intensivstation. Nur diesmal in der Rolle einer Ärztin mit Kittel.
„Dalika? Was machst du hier?“
Darf der Schutzgeist überhaupt an jenen Ort verweilen?
„Wie hübsch.“ Emilie hebt die Hand zum Gruß. „Sei willkommen in meiner bescheidenden Welt. Magst du ein Stück Kuchen?“
Zögerlich löst Dalika den Blick von Skyla und erfasst Emilie. Ausgiebig mustert sie Skylas Freundin und im Anschluss den gedeckten Tisch.

Elegant schnappt sich der Nang Tani einen Stuhl und nimmt zwischen den Freundinnen Platz.
„Fruchtig, wenn möglich. Ich komme aus Thailand und habe eine Schwäche für Obst.“
„Dann musst du ein Stück von der Zitronenjoghurttorte probieren. Wahrlich erfrischend und nicht zu süß. Ich bin übrigens Emilie.“
Ein Schnippen und die nette Servicekraft trägt Emilies Empfehlung an den Tisch. Direkt zu Dalika.
„Darf es etwas zu trinken sein?“
„Wasser bitte“, antwortet der Schutzgeist der Servicekraft.
Kaum sind sie allein, beugt sich Emilie mit einer Frage neugierig vor. „Dalika, richtig? In welcher Beziehung stehst du zu Skyla?“
Statt zu antworten, nimmt die Angesprochene die Gabel in die Hand und gönnt sich einen Bissen von der Torte. Dalika verhält sich verdächtig still und meidet den Blickkontakt, dass Skyla sich aufgefordert fühlt, den Grund zu hinterfragen.




„Bist du wütend, Dalika?“
„Ich bin enttäuscht! Du bist mein Baum, der droht zu sterben, weil du höhere Mächte erzürnt und vom Blitz getroffen wurdest! Du brennst lichterloh! Werde ich dich verlieren?“
Skyla zwingt sich zu einem Lächeln. „Nein, sei unbesorgt. Ich darf noch nicht sterben. Nicht, bevor ich einige Versprechen eingehalten habe.“
Dalika blickt nicht überzeugt und starrt eisern herüber. „Du hast viel Blut verloren, kleine Blume!“
Skyla nickt. „Agnar wollte mich Dämonenblut füttern, aber Milan war dagegen.“
„Dieser dreckige Köter! Er behindert Agnar bei seinen Pflichten! Solltest du sterben, werde ich ihn brechen und seinen Lebenswillen zerstören!“
„Hey! Er gibt sein Bestes und will mich doch nur vor einer Mutation schützen!“
„Lieber mutiert als tot!“ Dalika bleckt die Zähne. „Wir dürfen dich nicht verlieren, kleine Blume!“
Skyla hebt beschwichtigend die Hände und lehnt sich lässig zurück. „Wie gesagt, ich habe nicht vor zu sterben.“

Die Servicekraft bringt Dalika das Glas Wasser, das in einem Zug geleert wird. Während der Nang Tani von allen Seiten für den extremen Durst bestaunt wird, dreht Dalika grimmig den Kopf zu Emilie.
„Ein gefährliches Spiel! Du weißt nichts über mich, aber lädst mich an deinen Tisch ein. Wie naiv!“
Skyla seufzt laut. Ausgerechnet die schlechtgelaunte Seite von Dalika lernt Emilie kennen. Dabei kann ihr geliebter Schutzgeist auch ganz sanft sein. Aber die Botschaft kann Skyla nur begrüßen. Leider verschwendet an Emilie, denn der Lockenkopf lebt in ihrer eigenen Welt. Das zeigt allein das liebliche Lächeln von Emilie.
„Aber du bist doch eine Freundin von Skyla. Also fühle dich willkommen.“
Dalika schnauft. „Zu deinem Glück legst du gute Manieren an den Tag. Deine Gastfreundschaft ist lobenswert. Ich nehme an, du bist die Zielperson.“
„Emilie, angenehm.“
„Du hattest dich bereits vorgestellt. Aber gut! Ich bin ein Nang Tani, der sich von Mutter Baum trennte, um in Skylas Dienste zu treten. Leider erhielt ich noch keine Gelegenheit, mich an Skyla zu binden. Verzeih, aber ich entführe meine kleine Blume. Sie hat hier nichts zu suchen. Sie gehört in das Reich der Sterblichen!“
Beunruhigt erhebt sich Skyla. „Warte, Dalika!“




„Nein!“ Ihr Schutzgeist erhebt die Stimme. „Du musst ganz schnell von hier fort, bevor wir dich verlieren! Die Zeit drängt!“
„Aber nicht ohne Emilie!“
Skylas Protest sorgt dafür, dass Dalika sich schlecht gelaunt die Schläfen massiert.
„Deine Freundschaft in allen Ehren, aber die Zielperson lässt sich nicht retten! Du musst loslassen!“
„Und doch nimmst du dir die Zeit, um dich zu setzen und zu speisen!“, kontert Skyla frech.
Böse funkeln Dalikas Augen. „Als Nang Tani bin ich verpflichtet, einer Einladung entgegen zu kommen. So gewinnt mein Gastgeber meine Gunst und ich stehe in Schuld. Sag, Emilie, wie kann ich mich revanchieren?“

Die Miene von Emilie hellt auf. Schwungvoll erhebt sie sich und breitet die Arme aus.
„Skyla will mich in Vertrag setzen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich sie damit überfordere. Kannst du uns helfen, um den Prozess zu beschleunigen?“
Die unbehagliche Stille wird sowohl für Emilie als auch für Skyla zur Prüfung. Dalika hält lange Blickkontakt zum Lockenkopf, um dennoch zu hinterfragen: „Das ist dir ernst oder?“
Ohne Zweifel nickt Emilie und strahlt wie immer innere Ruhe aus. „Ich kenne das Risiko, aber mein Bruder braucht mich. Ich muss ihn vor der Dunkelheit beschützen.“
Hinter Dalika wachsen Ranken empor und beugen sich hinab, um einen schlichten Kelch aus Holz zu bringen.
„Damit erfüllst du alle Bedingungen. Ich mag keinen Baum besitzen, aber wenn es dein Wunsch ist, nehme ich dich in meine Obhut und mache aus dir einen Nang Tani. Damit wäre uns beiden geholfen, denn die Situation würde Skyla dazu zwingen, schneller zu handeln. Nicht nur mein Schicksal, sondern auch deins stände auf dem Spiel. Skyla müsste endlich in den Vertrag mit mir gehen und zu meinem Zuhause werden.“
Empört öffnet Skyla den Mund. „Hey!“
Ein Fehler, denn damit lenkt sie Dalikas Zorn auf sich. Der Nang Tani beugt sich bedrohlich vor und giftet sie an: „Also hör auf zu bluten, kleine Blume! Ich brauche auch noch etwas von deinem Lebenssaft!“
„Als hätte ich Einfluss darauf!“
Eine trotzige Reaktion, die Emilie ein Kichern entlockt.
„Ihr scheint euch ja sehr zu mögen.“ Emilie wickelt verspielt eine Locke um ihren Finger. „Ihr wirkt sehr vertraut.“




Das würde Skyla so nicht unterschreiben. Eigentlich war das Verhältnis sehr entspannt zu Dalika, aber die Teilschuld für die schlechte Laune des Nang Tanis kann sie auch nicht abstreiten. Dennoch halst ihr das Schicksal immer mehr Bürden auf.

Emilies Aussage bleibt zum Glück unkommentiert. Denn Dalika drängt nach einer Antwort.
„Wie wirst du dich entscheiden, Emilie?“
„Ich willige natürlich ein.“
Die Antwort lässt Skyla laut seufzen. Emilie klingt zu naiv, zu zuversichtlich. Dalika klatscht freudig in die Hände und reicht den Kelch an Emilie weiter, um Skyla mit der nächsten Sache zu konfrontieren.
„Du brauchst Nachwuchs, Skyla. Wir sind darauf angewiesen, dass du uns an deine Erben weiterreichst, damit wir nie um unsere Zukunft bangen müssen.“
„Was sagst du da?“ Skyla hofft, sich verhört zu haben. „Das hattest du vorher nie erwähnt, Dalika!“
Der Nang Tani lächelt frech. „Entschuldige, kleine Blume. Das muss ich versäumt haben. Ich empfehle dir ja die Sonne statt den Streuner.“
Emilie wird sofort hellhörig. „Was für eine Sonne?“
Dalikas Augen hellen auf. „Ihren besten Freund Lukas.“
Verwirrt legt Emilie den Kopf schief. „Und was ist mit Milan?“
Wie in alten Zeiten erhebt sich Skyla schnaubend. Unmöglich will sie sich erneut irgendein Gejammer anhören und drängt. „Dann los, beeilt euch, bevor ich wirklich verblute.“

Als Emilie den Kelch entgegennimmt, befasst sich Skyla mit den neuen Fakten und verflucht Dalikas List. Nie war von Nachwuchs die Rede. Aber sie meint sich zu erinnern, dass Milan mal erwähnte, dass mächtige Schutzgeister in der Familie weitergereicht werden. Nie käme ihr in den Sinn, irgendwann mal solch ein Kandidat zu werden. Zumal Skyla andere Sorgen gerade hat und auch bereit ist, ihr Leben aufzuopfern.

Zarte Winde tragen Rosen heran. Kaum nippt Emilie am Kelch, befindet sie sich im Zentrum einer kleinen Windhose voll von Blüten. Anders wie erwartet verändert sich nichts an ihrer Gestalt. Kein grüner Teint und auch keine langen Klauen. Daher begibt sich Skyla zu Dalika und beugt sich hinab.
„Hat es geklappt?“
Der Nang Tani nickt stolz. „Jawohl. Sie mag jung und noch am Anfang ihrer Entwicklung sein, doch du kannst dich stolz schätzen, zwei Nang Tanis in deinen Diensten zu wissen.“




Skyla behält ihre Zweifel für sich und schweigt zur Abwechslung. Während Dalika sich erhebt und Emilies Hände ganz vorsichtig ertastet. Dabei greift sie durch die Winde. Die Windhose gewinnt an Größe und nun flattern auch die Tempelblüten herein und vermischen sich mit den roten Rosen. Zarte Winde, die auch Skyla erreichen und eigentlich zum Spielen einladen, doch das Pflichtgefühl dämmt die Freude. Daher wünscht sich Skyla endlich den Aufbruch. Der Sprung zurück ins Leben erfolgt schneller als gedacht. Gewaltsamer. Synchron strecken Emilie und Dalika einen Arm aus und ihre Winde attackieren Skyla.

Das Medium wird durch die Luft gerissen. Mit so viel Kraft, dass Skyla weit und hoch geschleudert wird. Mitten im Flug bricht ihr Bewusstsein weg, um daraufhin in einem Rollstuhl zu erwachen. Ein Ortswechsel findet dabei statt. Raus aus Emilies Erinnerungen und zurück in die Welt der Menschen. Mitten ins Chaos. Auf ein Schlachtfeld. Oder vielleicht doch ein Alptraum? Denn die Person, die sie fortschiebt, sabbert auffällig viel und gibt unheimliche Geräusche von sich. Schmerzenslaute, die Skyla aufblicken lassen. In ein leichenblasses, fremdes Gesicht mit trüben Blick und gebleckten Zähnen, wo der Speichel wie bei Tollwut auffällig hinaus fließt.
„Was zur Hölle!“, folgt ihr Aufschrei.
Ein vertrautes Lachen klingt nah. Naomi drängt sich ins Sichtfeld und winkt ihr freudig zu.
„Meine Toten kümmern sich um dich, Skyla. Also sei unbesorgt. Du musst nicht laufen. Du kannst auch so deine Macht abfeuern.“
„Ist sie wach?“ Es folgen ein paar Schüsse und dann eilt Milan herbei. Kaum halten Skyla und er Blickkontakt, atmet er erleichtert auf. „Hey, Süße! Wie geht es dir?“
„Oh blendend! Ein verdammter Untoter schiebt mich und sabbert mich voll, als wolle er mein Gehirn naschen!“
Ihr hysterischer Sarkasmus bringt Naomi zum Lachen. Doch statt das Gespräch zu vertiefen, zieht ihre gewaltige Monsterkralle aus Finsternis an der Wand entlang. Im Zentrum ihrer Macht knistert und blitzt starke Spannung. Aus den riesigen Ritzen in der Wand erheben sich stöhnende Wesen. Humanoide aus schwarzem Rauch. Spindeldürre Wesen, die sich schnell bewegen und sich auf die vielen Ritter stürzen, während Naomis Klaue schwarzen Nebel aufwirbelt und das Schlachtfeld verdeckt. Und Skyla steuert mit ihren Verbündeten genau auf diese dunkle Wolke zu. Sicherlich ein weiterer Alptraum, den Skyla auch in Zukunft fürchten wird.



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