DBdD-Kapitel 70
»Geht es dir wieder besser?«, fragte Yelir, der zu Dainte blickte. Dieser war mit ihm zusammen mittels Schattenfortbewegung nach Vereven gekommen, doch seitdem war er lediglich geschwankt und hatte sich dann übergeben.
»Was auch immer du getan hast, tu es nicht wieder«, keuchte er, denn noch immer fühlte sich sein Magen an, als würde er sich gleich wieder umdrehen.
Yelir knirschte mit den Zähnen. »Verzweifelte Situationen, erfordern verzweifelte Maßnahmen«, brummte er seinen Cousin an, der die Lage noch nicht bemerkt hatte. Was daran lag, dass er eine Weile brauchte, um sich wieder zu fangen. Selbst sein Blick war noch immer etwas verschwommen.
Yelirs Worte sorgten jedoch dafür, dass er sich etwas zusammennahm. Obwohl ihm schwindelig wurde, sobald er sich zu sehr bewegte, sah er auf. Dann erstarrte er, während er sich fragte, ob er richtig sah.
Sie standen in einem Meer aus Asche und glimmenden Hölzern, zertrümmerten Steinen und Leichen.
Dainte packte erneut die Übelkeit, doch dieses Mal aus einem anderen Grund.
»Wo sind wir hier?«, fragte er mit belegter Stimme. Yelir hatte ihm gesagt, dass es einen Notfall in Vereven gab, doch er erkannte die Stadt nicht.
Yelir ballte die Hände zu Fäusten. »In Vereven«, erwiderte Yelir mit einem Knurren.
Aus Daintes Gesicht wich die Farbe, seine Augen weiteten sich noch mehr und sein Blick wanderte über die Umgebung.
Das sollte Vereven sein?
Es fiel ihm schwer sich die Häuser, Gassen und Menschen vorzustellen, die einst hier normal waren. »Was ist passiert?«, hauchte er zitternd.
»Erkläre ich später. Du musst dich Zunae anschließen und die Verletzten versorgen, damit ich sie mit den anderen in die Burg bringen kann«, wies Yelir an.
Dainte strafte seine Schultern. Er hatte schon einige Schlachtfelder als Heiler betreten, doch zu sehen wie eine ganze Stadt ausgelöscht wurde, ging ihm an die Substanz. Er war des Kampfes müde und hatte gehofft, dass durch die Heirat Frieden einkehrte. Stattdessen standen sie nun vor einer weiteren Katastrophe.
»Ich werde mich um sie kümmern«, versicherte er, denn das war etwas, mir dem Dainte helfen konnte. Heilung.
Yelir nickte und wandte sich ab, um Dainte seiner Arbeit zu überlassen.
Fürst Veren kam bereits auf sie zugerannt. Schwer atmend hielt er vor Yelir inne und stützte sich kurz ab. Unter seinen Augen hatten sich Augenringe gebildet und sein Haut war blass. Schweiß rann ihm von der Stirn, doch er Zwang sich trotzdem zum Sprechen. »Die ersten warten an der vereinbarten Stelle«, japste er.
Yelir trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Gut gemacht. Ruh dich etwas aus«, forderte er, denn ihre Arbeit war noch lange nicht vorbei.
Fürst Veren stellte sich aufrecht hin und schüttelte den Kopf. »Nicht, solange nicht alle in Sicherheit sind.«
Yelirs Lippen umspielte ein kurzes Lächeln. Ein verbissen Mann, den er als Kämpfer respektierte.
Er schritt an ihm vorbei und hielt auf eine Gruppe Menschen zu, die sih in der Nähe des Wassers sammelten. Nah bei der Stadtmauer, was sie unruhig machte.
Sie blickten sich ständig um. Sahen mit geweiteten Augen in den Himmel, schlossen ihre Liebsten in den Arm und beruhigten nur sporadisch die aufgebrachten Kinder.
Yelirs Blick glitt über sie Frauen und Kinder. Wie viele von ihnen hatten ihre Männer verloren, als diese sie vor dem Feuer beschützt hatten? Würde er sie alle aufnehmen müssen?
Seine Hand ballte sich zur Faust. Wenn das so weiter ging, würde sein Reich aussterben. Das durfte er nicht zulassen.
»König Yelir«, bemerkte eine Frau überrascht, was dazu führte, dass die Frauen sofort knicksten. Dabei zitterten sie teilweise, was in Yelir ein Magensrücken auslöste. Hatte sie Angst vor ihm?
»Kein Grund für Förmlichkeiten«, erwiderte Yelir, der nur mit Mühe ein Knurren unterdrücken konnte. Er hasste es, wenn andere Angst vor ihm hatten. »Ich bin hier, um euch auf schnellsten Weg zur Burg zu bringen«, erklärte er und überblickte die Gruppe noch einmal. Vielleicht zwanzig Überlebende. Mit den Verletzten, die noch versorgt wurden, waren es nicht einmal hundert. Er hoffte sehr, dass die anderen alle suchten und das hier nicht alles war. Vereven hatte fast 500 Bewohner gehabt. Es konnten doch nicht nur so wenig überlebt haben.
Die Frauen sahen sich suchend um. Seine Bemerkung verwirrte sie, denn nirgendwo waren Kutschen oder ähnliches. Sie würden niemals bis zur Burg laufen können, auch wenn diese am nächsten lag.
Yelir wartete einen Moment, wobei sein Blick über die Menge glitt. »Ihr müsst keine Angst haben und ruhig bleiben«, erklärte er mit fester Stimme. »Die Magie, die ihr gleich spüren werdet, ist kein Angriff.«
Er wollte sichergehen, dass niemand vor Panik zusammenbrach. Das konnten sie sich nicht leisten.
»Bleibt bitte dich beisammen«, befahl er, bevor er tief durchatmete. Seine Schultern waren gestrafft und in seinen Adern pulsierte die Magie. Würde er es schaffen, so viele Menschen mit einem Mal zur Burg zu bringen? Sie war nicht weit entfernt und er hatte Übung, doch … Sein Blick glitt zu Dainte, der sich wieder erholt hatte. Würde es den Anwesenden auch so gehen?
Aber eine Wahl hatte er nicht, weshalb er vorsichtig die Hände hab.
Sein Schatten wurde länger und bald schon erstreckte er sich unter den Anwesenden wie ein schwarzes Loch.
Eine Frau hielt ihrem zitternden Kind die Augen zu, während eine andere ihre eigenen fest zusammenkniff.
Yelir biss sich leicht auf die Unterlippe. Langsam und vorsichtig tauchten sie in die Welt aus Sternenhimmel ein, in der Chiaki zuhause war.
Sanfte Kühle hüllte sie ein, als wäre die Nacht flüssige Seide, die über ihre Haut fuhr.
Ein erstaunte Ruf wurde laut, als eines der Kinder den Mut fasste, sich umzusehen.
Weitere folgten seinem Beispiel und bald schon bestaunten sie die an ihnen vorbeiziehenden Sterne.
Yelir stieß die Luft aus und seine Schultern sackten etwas nach vorn. Keine Panik brach aus, das war gut.
Sie bewegten sich langsamer, als er und Dainte, weil er hoffte, so Nachwirkungen vorzubeugen. Nur war es so wesentlich schwerer.
»Das ist die Gabe der Götter«, flüsterte eine Mutter, die ihr Baby im Arm wiegte.
Diese Aussage ließ Yelirs Mundwinkel zucken. Wie recht sie doch damit hatte.
Er beobachtete jede Regung, als er sie schließlich wieder hinaufhob und sie die Schatten verließen.
Die Mauern der Burg tauchten auf, als sie in einem der Innenhöfe erschienen.
Belle, Jane, Liselle und Evareth erwarteten sie bereits. Decken und Krüge mit Wasser in den Händen, um die Abkömmlinge erst einmal zu versorgen.
Es war Belle, die mit einem Lächeln vortrat. »Willkommen auf der Burg. Hier seid ihr sicher«, versprach sie mit sanfter Stimme, auch wenn sie eher skeptische Blicke erntete. Von einigen Frauen wurde sie sogar von Kopf bis Fuß gemustert.
»Ist das die Königin?«, fragte eine Frau flüsternd ihre grauhaarige Mutter. Diese kniff die Augen zusammen, um Belle genauer zu sehen. Sie hatte die gleiche Hautfarbe, weshalb sie sofort auffiel.
»Mein Name ist Belle. Ich bin die Oberhofdame der Königin und werde mich um euch kümmern«, stellte sie sich vor, um weitere Verwechslungen auszuschließen.
Allerdings sorgte das für weiteres Getuschel. »Die Gerüchte sind also wahr.« »Hier arbeiten wirklich Frauen.« »Sie wirkt so selbstsicher.«
Yelir sah, wie sich die Anspannung etwas legte. Hier waren sie in Sicherheit und hatten sofort eine willkommene Ablenkung.
»Bitte kümmert euch gut um sie. Ich werde zurückkehren und weitere bringen«, erklärte Yelir an Jane gewandt. Diese verneigte sich leicht.
»Wir werden uns um sie kümmern«, versicherte sie mit fester Stimme. Sie würde ihnen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich machen.























































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