DBdD-Kapitel 69

Nachdem die Feuer abgeklungen waren, wurde das ganze Ausmaß des Angriffes sichtbar.
Es gab kein einziges Gebäude, das noch brauchbar war. Nicht einmal ein Lagerhaus war soweit intakt, dass man die Überlebenden unterbringen konnte.
Fürst Veren, der selbst viele Verbrennungen erlitten hatte, humpelte auf Yelir zu. »Eure Hoheit«, keuchte er verzweifelt und versuchte sich an einer Verneigung. »Bitte, verzeiht mir. Ich habe mich nicht genug darum bemüht, die Stadt vor Feuer zu schützen, wie Ihr es angeordnet habt«, sagte er mit verzweifelter Stimm und verneigte sich noch tiefer. So, wie er schwitzte, war ihm anzusehn, dass er es ernst meinte. Er fühlte sich schuldig. »Ihr müsst mir und meinen Leuten helfen«, brachte er hervor, was Zunae überraschte. Das letzte Mal hatte sie das Gefühl, dass er sich nur um sich kümmerte, doch seine Sorge flimmerte in seinen Augen.
Yelir fuhr sich durch die Haare. Sie hatten die Angreifer vertrieben, doch Vereven war kein Ort mehr, in dem man leben konnte.
»Lasst mich Eure Verletzungen sehen«, sagte Zunae, deren Beine noch immer zitterten. Trotzdem schritt sie auf den Verletzten zu. Sie ertrug es nicht, ihn so zu sehen.
Fürst Veren hob jedoch die Hand und hielt sie davon ab. »Wenn Ihr jemanden helfen wollt, dann meinen Leuten«, knurrte er abwehrend und mit einem Blick, der Zunae innehalten ließ. Sie erwiderte ihn ebenso ernst und unnachgiebig.
»Dann geht mit einem guten Beispiel voran. Ihr seid das Oberhaupt. Als solches könnt ihr Euch nicht ausruhen und erholen. Macht also Euren Zustand nicht schlimmer, als er ist«, fuhr sie den Mann an, der vor Überraschung zusammenzuckte.
»Tut, was sie sagt«, befahl Yelir, der nicht wollte, dass Zunae sich erst noch mit ihm herumschlagen musste, bevor sie ihm helfen konnte. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte niemand sie aufhalten.
Fürst Veren ließ seine Hand sinken und brummte leise.
Zunae verstand das als Aufforderung, trat an ihn heran und hob ihre Hände ein kleines Stück über seine Verletzungen. Dann hielt sie inne.
Früher hatte sie die Fähigkeiten ihrer Vertrauten genutzt, um zu heilen, doch funktionierte das immer noch? Nachdem sie gerade für einfache Wassermagie seltsame Kristalle erschaffen hatte, war sie sich nicht mehr so sicher.




Sie sog tief die Luft ein und lockerte etwas ihre Schultern. Nur, weil sie nicht wusste wie, sollte sie nicht aufgeben.
Gedanklich bat sie Ehana zu sich, die als leichter Luftzug durch die Aschehaufen der Stadt huschte und sich schließlich neben sie gesellte, ohne wahrgenommen zu werden. Für die Umstehenden war sie nichts weiter als ein frischer Windhauch.
Ehana streckte ihre Hände aus und legte sie auf Fürst Verens Verbrennungen.
Dieser zuckte heftig, spürte aber fast sofort die angenehme Kühle, die sich ausbreitete. Er schloss die Augen, stieß die Luft aus und seine angespannte Haltung fiel in sich zusammen, während sich Ehanas Wassermagie über Verens ganzen Körper ausbreitete.
Zunae schloss einen Moment vor Erleichterung die Augen. Sie konnte zwar Ehanas Fähigkeit nicht mehr direkt nutzen, doch zumindest funktionierte es so.
»Danke«, erwiderte Fürst Veren leise, während er ihren Blick mied. Sein Körper fühlte sich besser an, weshalb auch endlich seine Gedanken nicht mehr durch den ständigen Schmerz blockiert waren.
»Fürst Veren«, erhob Yelir das Wort, der eine Entscheidung getroffen hatte. Sein Blick war ernst auf seinen Unertanen gerichtet, der sich etwas wand. »Hol alle Überlebenden hierher. Ich werde sie in die Burg bringen«, erklärte er, was Degoni verwirrt die Stirn runzeln ließ, während Zunae ihre Augen leicht weitete. Meinte er das ernst?
Ihr Mund wurde trocken, während sie sich vorstellte, wie viel Magie das verbrauchen würde, doch es war eine taktisch gute Entscheidung. Hier wäre kein Leben mehr möglich und für eine lange Reise waren die Überlebenden zu erschöpft.
»Und ich werde mich darum kümmern, dass die Verletzten versorgt werden«, erwiderte Zunae, die nicht tatenlos herumstehen wollte.
Degoni brummte, denn er hatte nicht wirklich etwas beizutragen, was dazu führte, dass er die Fäuste balte.
Aelith machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihre zarten Hände um seine Faust. »Wir werden sehen, dass wir dabei helfen, die Verletzten zu bergen.«
Degoni nickte angespannt, doch vorrangig deshalb, weil sich Aeliths Hand auf seiner so ungewohnt anfühlte.
Obwohl er schon seit einiger Zeit mit ihr arbeitete, waren sie sich doch nicht so nah, wie es vermutlich jetzt wirkte.




»Ich führe Euch zu den Verletzten«, sagte Veren, der bereits Lager außerhalb der Stadt eingerichtet hatte, um die Flüchtlinge unterzubringen und die Verletzten zu versorgen.
»Ich werde in der Burg Bescheid geben und Dainte mitbringen«, sagte Yelir, bevor er, ohne groß darüber nachzudenken, einen Schritt nach vorn machte und in den Schatten verschwand.
Degoni riss seine Augen auf und starrte an die Stelle, an der sein Bruder verschwunden war. Sein Herz klopfte heftig in seiner Brust, während er versuchte zu verstehen, was sein Bruder da getan hatte.
»Was ist da gerade passiert?«, fragte Aelith atemlos, die sich nun an Degoni klammerte, weil ihre Beine vor Überraschung so sehr zitterten. Das Kribbeln, das in der Luft lag, war so mächtig, dass selbst sie es spürte.
»Schattenfortbewegung«, erklärte Zunae mit einem leichten Zucken ihrer Mundwinkel. »So ist es uns gelungen aus den Südlanden so schnell hierherzukommen. Yelir ist schon besser darin als ich.«
Degonis Gehirn begann zu arbeiten. Er war besser darin als sie? Die Frau mit der unendlich scheinenden Magie? Das war schwer zu glauben.
Fürst Veren räusperte sich. »Bitte folgt mir«, sagte er an Zunae gewandt. Er war gerade Zeuge einer Magie geworden, die als verloren galt.
Er versuchte sich an die Kämpfe gegen die Südlande zu erinnern, doch in diesen hatte ihr König nie eine solche Macht verströmt. Seit der Hochzeit mit dieser Frau, die nun stumm neben ihm herlief, hatte sich einiges geändert.
Zunaes Gesicht war bar jeder Emotion, während sie versuchte, die Umgebung nicht zu sehr an sich heranzulassen. Dabei konnte sie verbrannte Leichen und unter Trümmern gestorbene Menschen sehen. Ihr Magen rebellierte, doch sich zu übergeben würde nichts bringen. Stattdessen musste sie die Kraft zusammennehmen, um denen zu helfen, die noch am Leben waren.
Ihre Hand ballte sich zur Faust. Wer auch immer dafür Schuld war, würde dafür büßen. Sie konnte gar nicht zählen, wie viele Menschen gestorben waren. Vereven war eine der größte Städte der Nordlande und in wenigen Stunden war sie dem Erdboden gleichgemacht. Noch dazu waren die Schiffe im Hafen zerstört und damit auch jeglicher Handel mit außerhalb abgeschottet.
Sie atmete den beißenden Gestank ein, was ein unangenehmes Kratzen in ihrer Kehle verursachte. Die Luft war nicht gut, weshalb sie Ehanas Fähigkeiten nutzte, um den Staub und Rauch zu vertreiben. Für die Heilung war das wichtig, da sie nicht so viel tun konnte, wie ein Heiler.




Schließlich verließen sie die Stadtmauern. Das Einzige, was noch halbwegs stand. Es war ein trauriger Anblick.
Auch außerhalb waren einige Feuerbälle gelandet, doch nicht so stark. Es gab ein wenig verbranntes Gras und einen Baum, der nur noch Kohle war. Allerdings hatte sich das Feuer hier nicht so leicht ausbreiten können. Es war zwar die Wucht des Aufpralls gewesen, der die unteren, steinernen Teile der Häuser zerstört hatte, doch der obere Teil aus Holz hatte für Nahrung gesorgt und so war das Feuer übergesprungen.
Die Steinmauer hatte für einen Schutzwall gesorgt, sodass man hier draußen recht geschützt war.
Zunae ließ ihren Blick über die verängstigt Kinder wandern. Mütter hielten sie sanft, während sie selbst mit offenen Wunden kämpften.
Männer sah sie kaum. Es gab einen, der sich nicht mehr bewegen konnte und einen, der Wasser verteilte. Trotz seiner deutlich sichtbaren Verletzung. Die anderen waren dabei, Verschüttete zu bergen.
Zunae machte einen Schritt auf den Mann am Boden zu. Er war so zugerichtet, dass seine Chancen schlecht standen.
In ihr regte sich etwas. Ein leises Summen, klirren, klimpern. Eine sanfte Melodie, die keine Worte bildete und dennoch konnte Zunae sie verstehen.
Vor ihrem inneren Auge leuchteten Kristalle auf und gaben wohltuende Klänge von sich. Führten sie, ließen ihre Finger kribbeln.
Langsam senkte sich Zunae zu dem Mann, der sie aus einem unversehrt Auge heraus anblickte. Sein Gesicht war kaum noch als solches zu erkennen. Seine Nase fehlte und ein Ohr ebenfalls. Die Haut schälte sich ab und machte den Anblick unerträglich. Trotzdem sah Zunae hin. Da war etwas Bekanntes in dem Auge, doch sie konnte es nicht zuordnen.
Gerade, als sie die Hände über ihn hob, erklang eine Stimme. »Der schafft es eh nicht. Du solltest lieber die Kinder und Frauen heilen.«
In ihr regte sich etwas, wie ein lebendiges Ding.
Zunae wirbelte herum und in dem Moment, als sie den Mann mit ihrem Blick fixierte, der diese Ungeheuerlichkeit von sich gegeben hatte, wurde dieser von den Beinen gehoben, als hätte eine unsichtbare Macht ihn gepackt.
Panisch begann er mit Armen und Beinen zu wedeln, während er am Hals gehalten wurde. »Willst du etwa meine Entscheidung in Frage stellen?«, säuselte sie mit sanfter Stimme, hinter der ein Raubtier nur darauf wartete, loszuschlagen.




Die Augen des Mannes weiteren sich, als würde er sie erst jetzt erkennen. Was kein Wunder war, war sie doch von Asche und Rauch bedeckt, wie alle anderen hier. »V-verzeiht. Eure Hoheit«, brachte er stammelnd hervor.
Zunae senkte die Lider und damit löste sich auch der Zauber. »Gut, dann lass mich meine Arbeit machen.«
Das Gefühl, das durch ihre Adern floss war heiß und drängend. So ganz anders, als sie die Magie sonst kannte. Es fühlte sich nicht wie Heilmagie an. Eher, als würde sie den Mann gleich den Gnadenstoß verpassen. Doch gleichzeitig war da noch immer diese sanfte Melodie. Ein Hoffnungsschimmer.
Zunae wandte sich wieder ihrem Patienten zu und hoffte, dass die singenden Kristalle hielten, was sie versprachen.
Langsam hob sie ihre Hände über den Mann, der sie genau beobachtete.
Ein Kribbeln floss in ihre Finger und rieselte dann in Form von feinem, glitzernden Puder, wie Diamantstaub, auf den Mann herab.
Dort, wo sie sich auf die Haut legten, entstanden Kristalle in der Farbe von Smaragden. Wunderschön und doch so fremd.
Unter dem Kristall, kaum zu erkennen, begann die Haut zu arbeiten. Die Verbrannten Stellen wurden abgezogen und lösten sich auf, während frische, reine Haut nachwuchs. Langsam und beständig. Vermischt mit einem feinen Klirren wie von Windspielen.
»Die hab ich am Himmel gesehen«, flüsterte ein Mädchen seiner Mutter zu. Die Augen weit aufgerissenen und den Mund zu einem stummen Schrei gezogen, starrte die Mutter auf das Schauspiel.
»Kam der Regen von der Königin?«, fragte ein Frau ihre Schwester, während diese ihr Baby wiegte.
Sie alle hatten das Schauspiel am Himmel betrachtet, doch erst jetzt konnten sie es mit einem Verbündeten in Verbindung bringen.
Zunae ließ die Magie fließen, bis sie den Mann fast vollständig eingenommen hatte. Erst dann öffnete sie ihre Augen und weitete sie ganz leicht. Der Fluss der Magie hatte nachgelassen, doch der Mann war noch immer in Kristalle gehüllt, die ihn heilten.
Etwas abseits beobachtete Yelir seine Frsu mit Sorge in den Augen. »Chiaki, kannst du mir sagen, was aktuell mit ihr los ist? Diese Magie … ist so wild.«
Aus den Schatten der Aschehaufen erhob sich der Kater, der sich kurz streckte. »Immer, wenn sie durch die Zeit gezogen wird, kann ich nicht bei ihr sein. Ihre Magie fließt ungehindert und sobald sie zurück ist kann ich nicht alles davon wieder verschließen. Dadurch wächst sie unaufhaltsam an«, erklärte er, wobei nichts auf seine Sorge hindeutete. Wenn die Magie so weiter wuchs, würde er sie bald nicht mehr schützen können. Das hieß, die Zeit ihres Schicksals rückte näher.




Yelir biss sich auf die Lippe und ballte die Faust. »Was macht das mit ihrem Körper?«
Die Frage verklang in der darauffolgenden Stille, während Chiaki lediglich zu Zunae blickte, die weitere Verletzte behandelte.
Yelir rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort, als Chiaki doch seine Stimme erhob. »Das werden wir sehen«, sagte er und schloss einen Moment die Augen.
Bald würde sich hoffentlich alles klären.

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