Kapitel 22 – Abholbereit
Kapitel 22 – Abholbereit
Brian nahm Evelynns klingelndes Telefon – ein Nokia, das mehr an ein Werkzeug der Steinzeit erinnerte – in die Hand und drückte auf das halb abgeblätterte, grüne Hörersymbol. „Hallo?“
„Guten Tag, hier spricht Dr. Martinez. Ist Evelynn Brook zu sprechen?“ Eine fremde Männerstimme war an der anderen Leitung. Seine Art zu sprechen und der Klang seiner Stimme ließen darauf schließen, dass sich der Anrufer und Evelynn nicht gut oder gar nicht kannten. Ein Makler? Ein Werbeanruf?
Brian legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Die ist gerade nicht da. Kann ich was ausrichten?“
„Verstehe. Dann richten Sie ihr bitte aus, sie soll zurückrufen. Auf diese Nummer, oder wenn sie mich hier nicht erreicht, dann übers Krankenhaus Boston, die leiten sie dann weiter. Es geht um ihren Bruder. Richten Sie ihr das aus.“
„Werde ich. An wen genau soll sie sich wenden?“
„Sollte sie mich nicht mehr erreichen, soll sie den Kundendienst des Krankenhauses kontaktieren. Sie wird wissen, wonach sie fragen soll. Vielen Dank. Einen schönen Tag noch.“ Damit wurde aufgelegt.
Brian legte das Handy stirnrunzelnd beiseite. Ein Arzt? Hatte Evelynns Bruder einen Unfall gehabt und sie als Notfallkontakt hinterlegt? Wie viele Brüder hatte sie? Der, der ihr die Drogen gegeben hatte, war ja schon tot.
Evelynn trat aus dem Bad. Gerade fummelte sie wieder einmal an ihren wilden Locken herum und versuchte, sie irgendwie mit einem Haargummi zu bändigen. Brian starrte sie an und legte sein laszives Grinsen auf. Sofort wurde Evelynn rot und begann, an ihrer Unterlippe zu nagen. Letzteres tat sie häufiger. Aber dass ihre Wangen glühten, sah er nur hier, in diesen vier Wänden. In seinem Underdog trug sie zu viel Make-up und überschminkte damit jede Natürlichkeit. Doch sie war auch ohne die künstlichen Wimpern attraktiv. Verdammt attraktiv sogar. Evelynn senkte den Blick. In seinem Puff tat sie es hingegen nur selten. Wahrscheinlich diente die Schminke dem Zweck, sich zu verkleiden. In seinem Puff wurde sie wieder zu Devil, einer anderen Person. Eine, die für die Kunden die Beine breitmachte.
Aber er wollte die echte Evelynn, die nun mit geröteten Wangen vor ihm stand. Er wollte haben, was keiner seiner Kunden bekommen würde. Allerdings wusste er auch, dass Beruf und Privates in diesem Metier nicht miteinander vermischt werden durften.
„Hallo?“ Ihre Hand schwenkte vor seinem Gesicht herum. „Erde an Brian?“
„Hm?“
„Wieso hast du mein Handy in der Hand?“
„Ein Dr. Martinez aus dem Boston Medical Center hat angerufen. Es geht um deinen Bruder.“ Brian stand auf und drückte Evelynn das Handy in die Hand. „Ruf einfach die letzte Nummer noch mal an. Wenn du willst, bringe ich dich ins Krankenhaus.“
Ihre Lippen hatten sich zu einem stummen ‚Ah‘ geöffnet. Nach einem Moment senkte sich ihr Blick und ging betrübt gen Boden. „Alles klar. Danke. Aber fahren musst du mich nicht.“ Sie nahm das Telefon entgegen; ihre Finger flitzten über die Tastatur, während sie die letzte Nummer aufrief. Sie brauchte einen Moment, ehe sie auf den grünen Hörer drückte. Sie schluckte. Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Telefon ans Ohr hob, und ihre Augen wurden wässrig.
Brian runzelte bei ihrer Reaktion die Stirn. „Mach die Lautsprecher an, Eve.“
Evelynn sah auf. Sie hatte sich einmal mehr die Lippe aufgebissen. Bei allen Göttern, so oft wie sie sich auf den Lippen herumkaute, war es kein Wunder, dass die von Zeit zu Zeit aufsprangen! Evelynn warf einen unsicheren Blick zu Yannis, der nach wie vor auf dem Sofa in sein Buch vertieft war. Doch er war weit genug weg. Er würde nichts von dem Gespräch mitbekommen. Zögerlich, den Blick auf Brian gerichtet, nahm sie das Telefon wieder vom Ohr und machte den Lautsprecher an.
In diesem Moment schallte es aus dem Lautsprecher: „Dr. Martinez, Boston Medical Center?“
„Dr. Martinez? Hier ist Evelynn. Evelynn Brook. Sie haben angerufen?“ Ihre Hand zitterte. Bisher hatte sie das Geschehene verdrängen können. Ihre Schuld! Vor Augen sah sie, wie ihr Bruder in den Wagen gezogen worden war. Weg. Tot. Ihre Schuld! Er hatte sie doch angefleht, bleiben zu dürfen!
„Miss Brook! Gut, dass ich Sie doch noch erreiche. Wir haben die Obduktion beendet. Der Leichnam wäre jetzt freigegeben. Falls Sie also alsbald die Beerdigung geplant…“ Evelynn schluchzte leise auf und brachte den Doktor damit kurzzeitig zum Verstummen. „Es … tut mir leid, Miss Brook. Das war herzlos von mir, einfach mit der Tür ins Haus zu fallen …“
Schniefend schüttelte Evelynn den Kopf, was der Doktor natürlich nicht sehen konnte. „Nein. Nicht doch, Doktor. Das ist ihr Job.“
„Mami?“ Eine kleine Hand packte ihre linke, herunterhängende Hand. „Hast du Aua?“
Wieder schüttelte sie den Kopf und flüsterte heiser: „Nein, mein Schatz. Alles in Ordnung. Mami muss kurz telefonieren, geh wieder spielen, ja?“
Zögerlich, und nur äußerst widerwillig, gehorchte Yannis der Anweisung seiner Mutter.
Evelynn presste sich die Hand vor den Mund, um nicht laut zu weinen. Brian hatte sie für einen Moment vergessen. Schuldig! Ihre Schuld!
„Miss … Miss Brook? Wollen wir das ein andermal besprechen?“
„Nein!“ Sie schniefte, klatschte das Telefon auf die Kommode, neben der sie stand, und stützte sich mit zitternden Armen darauf ab, damit ihre Beine nicht gleich einknickten und sich Yannis richtig Sorgen zu machen begann. „Nein …“, fügte sie nochmal in gemäßigtem Ton an. „Bitte, Doktor. Reden Sie weiter. Ich wollte Sie nicht unterbrechen.“
Der Doktor räusperte sich unangenehm berührt. „Gut. Nun, wie gesagt, ihr Bruder wäre abholbereit. Meist übernimmt dies gleich das Bestattungsinstitut. Haben Sie sich darum schon gekümmert?“
„Nein …, dazu bin ich noch nicht gekommen.“
„In Ordnung. Dann machen Sie das. Eine Beerdigung selbst zu organisieren, kann eine große Herausforderung sein. Gerade wenn noch Betreuungsaufgaben Ihre Zeit in Anspruch nehmen. Das Institut wird Ihnen dabei zur Seite stehen.“
„Ja.“ Evelynn schluckte. „Danke, Dr. Martinez. Dann … melde ich mich, sobald ich entschieden habe, wie die Beerdigung organisiert werden soll.“
„Es reicht, wenn sich das Bestattungsinstitut mit ihrer Unterschrift mit uns in Verbindung setzt, Miss. Das sollte es Ihnen erleichtern. Schlimm genug, dass Sie ihn so sehen mussten.“
„Ja.“ Evelynn hatte Mühe, überhaupt noch ein Wort herauszubringen. Ein Bestattungsinstitut? Und wer sollte das bezahlen?
„Gut. Dann machen Sie sich jetzt einen Tee, entspannen Sie. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“
„Danke …“
Der Doktor legte auf. Evelynn brach mit dem Oberkörper auf der Kommode zusammen. Ihre Beine bebten. Ihre Lippen zitterten. Tränen liefen ihr über die Wangen, ohne Punkt und Komma. Sie schluchzte, leise, in der Hoffnung, Yannis hörte es nicht.
Brian tippte auf den roten Hörer, nahm das Handy und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden. „Wie willst du die zehntausend Dollar für eine Beerdigung bezahlen? Du hast ja nicht mal vernünftige Schuhe.“
Evelynn schluchzte laut auf. Ihre Beine gaben nach; sie wusste nicht mehr, wo unten und oben war. Für einen Moment wurde einfach alles schwarz, doch sie spürte noch, wie die Kommode ihren Fingern entglitt, also krallte sie sich daran fest, bis sie sicher auf dem Boden saß und ihrem zitternden Körper eine Pause gönnen konnte. Die schwarzen Flecken lichteten sich wieder, doch das Schluchzen brach nicht ab. Emanuel. Wieso musste er auch jetzt sterben? Wieso nicht in ein paar Jahren, wenn sie das auch bezahlen konnte? Sie presste sich den rechten Unterarm vor den Mund und biss sich in die Haut, um die erbärmlichen Laute, die sich unaufhörlich ihres Körpers entrangen, zu dämpfen. Um einen anderen Schmerz zu spüren, als den, der sich durchweg einen Weg durch ihr Herz fraß, brennend und heiß. Ihre Schuld. Ihr Versagen. Hätte sie ihn nur reingelassen. Hätte sie nur die Polizei gerufen. Hätte sie ihn nur nicht abgewiesen. Wäre sie nur eine bessere Schwester gewesen!
Brian seufzte und ging neben Evelynn in die Hocke. „Ich kann was regeln, Eve. Seine Asche kommt in eine Urne und die verstreuen wir einfach. Vielleicht direkt am Meer oder auf einem der Hochhäuser hier. Kostet mich nur ein, zwei Anrufe.“ Nun, wahrscheinlich wäre noch die Asche einer weiteren Person dabei, aber solange Eve das nicht erfuhr…
Ein Angebot, das sie kaum ablehnen konnte. Aber wieso sollte er? Wieso sollte ihr irgendjemand helfen?! Ihre Eltern verabscheuten sie! Sie war es ja auch! Verabscheuungswürdig! Sie hatte Schuld am Tod … Ihr Biss wurde noch einmal fester, bevor sie von ihrem Arm abließ, nur um augenblicklich wieder laut aufzuschluchzen. Ihr Herz machte Purzelbäume – aber keine freudigen, denn sie stockten, rollten und stockten wieder. Ein Sinnbild des Schmerzes, der sie Welle für Welle übermannte. Sie konnte das alles nicht mehr. Wieso war es denn nie genug?!
Brian legte eine Hand auf ihre Schulter. „Beruhige dich. Yannis sollte dich nicht so sehen. Es ist sein Geburtstag.“ Er stand auf, nahm den Jungen an die Hand und ging mit ihm gemeinsam in sein Büro. Dort setzte sich Yannis wieder zwischen all seine Bücher. Keine Bilderbücher, sondern die Bücher, die Schüler bekamen, die gerade lesen lernten. „Deine Mutter ist gerade etwas traurig, Yannis. Kannst du ihr ein wenig Zeit geben? Sie möchte nicht, dass du das siehst.“
Der Junge nickte sichtlich gekränkt, doch er widersprach Brian nicht. „Kannst du ihr dann von mir eine Umarmung geben, wenn sie mich gerade nicht bei sich haben will?“
„Oh, sie will dich ganz bestimmt bei sich haben, Yannis. Aber deine Mutter will auch stark sein. Und sie will nicht, dass du dir Sorgen machst. Das Problem, das deine Mutter gerade hat, werde ich aus der Welt schaffen, okay?“ Brian wuschelte dem Jungen durch die blonden Haare, die so gar nicht zu Evelynn passten.
Yannis nickte erneut. „Trotzdem.“ Er stand auf und streckte die Hand in Richtung Tür. Eine Träne schlich sich über seine Wange. „Mach, das Mami wieder glücklich ist! Seit sie dich wiedergetroffen hat, ist sie viel glücklicher! Und sie hat viel mehr Zeit mit mir! Geh und mach, dass es wieder so ist!“ Leise fügte er ein ‚Bitte‘ an.
Brian nickte sacht. „Natürlich. Freunde helfen einander, stimmts?“ Aus einem Reflex heraus, wischte Brian die Träne des Jungen weg und bemerkte erst an der Tür, was er da getan hatte. Hoffentlich interpretierte Yannis da nicht zu viel hinein. Er zwinkerte dem Kleinen zu und verließ den Raum. Evelynn erblickte er sofort, zwischen Kommode und Bürotür hin und her torkelnd. „Was wird das?“, fragte er, bemüht darum, sein typisches, lockeres Verhalten aufrechtzuerhalten.
Erschrocken sah die schluchzende junge Frau zu ihm auf. Ihre Augen waren rot unterlaufen, angeschwollen und tränennass. Sie schniefte, schüttelte den Kopf und drehte sich von ihm weg.
„Eve?“
„Nein!“
„Evelynn?“ Er trat einen Schritt auf sie zu.
Evelynn zuckte innerlich zusammen. Sie wollte ihn nicht hier, und gleichzeitig war ihr alles zu viel. Sie wollte jemanden, der sie unterstützte, jemanden, der sie hielt und ihr sagte, dass alles wieder gut würde! Sie wollte ihren verdammten Prinzen, nicht den vermaledeiten Zuhälter! Aber schlussendlich waren es die Arme ihres Zuhälters, in die sie sich flüchtete, denn andere waren nun einmal nicht da. Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an den Mann, der ihr Leben sowohl zerstört als auch gerettet hatte, schnappte nach Luft und weinte weiter, während sie ihr Gesicht in seinem Shirt vergrub und ihre Nägel in seinen Rücken krallte.
Brian schwieg und legte die Arme erst zögerlich, dann fest um den zierlichen Körper und hielt sie einfach fest. Dabei gingen ihm Yannis’ Worte nicht mehr aus dem Kopf. Wieso sollte Evelynn glücklich sein, seit sie bei ihm war? Das komplette Gegenteil müsste der Fall sein. Er ließ Evelynn weinen und strich ihr sanft übers Haar. Es schien, ihre Tränen nähmen kein Ende mehr. Doch irgendwann, da wurde das Schluchzen langsam leiser. Als sie sich dazu imstande fühlte, löste sich Evelynn halb aus Brians Umarmung, sah zu ihm auf und blieb an seinen Lippen hängen. Sie waren nicht zu diesem Grinsen verzogen, das sie immer so wahnsinnig machte. Er blickte ruhig auf sie hinab. Hielt sie weiterhin fest. War das der Moment, in dem sie ihn küssen würde? Eine filmreife Szene wäre das. Aber war es auch das, was sie wollte? Durfte sie sich diesem schwachen Moment hingeben? Noch mehr, als sie es sowieso schon tat? Es wäre einfach, ihn jetzt zu küssen, ihn zu verführen und dazu zu bringen, mit ihr zu schlafen. Sie wusste, es wäre gut. Sie hatte noch sehr genau in Erinnerung, was er mit nur einem Finger mit ihr angestellt hatte. Sie wusste, sie könnte dadurch vergessen. Zumindest für den Moment. Und einen Moment lang zog sie es ernsthaft in Betracht. Sie hatte seine Lippen mit ihrem Blick fixiert. Ihre eigenen standen leicht offen, bereit, geküsst zu werden. Doch ehe es soweit kommen konnte, ehe sie einen weiteren, markanten Fehler in ihrem Leben begehen konnte, drehte sie den Kopf seitlich ab, legte ihn wieder an seine Brust und schloss die Augen. Ja, es wäre einfach gewesen, diesem Drang nach Vergessen jetzt nachzugeben. Aber danach würde sie sich dafür hassen.
Brian räusperte sich. „Yannis hat heute Geburtstag. Wisch die Tränen weg und stell die Kerzen auf den Kuchen. Alles andere hat Zeit bis morgen, okay?“
Einmal noch krallte sie sich fester an ihn. Atmete tief ein, spürte seine Wärme. Dann ließ sie von ihm ab, auch wenn der Verlust seiner Nähe ihr sogleich zu schaffen machte. Evelynn nickte. „Mach ich“, sprach sie, die Stimme erstickt, und wischte sich mit dem Ärmel ihres abgetragenen Pullovers über die Augen. Brian sah sie schlucken. „Danke.“
Etwas unbeholfen legte Brian seine Hände auf ihre Schultern. „Ich gehe wieder zu Yannis ins Zimmer. Wenn du so weit bist, hol ihn einfach.“ Er zögerte, sah einen Moment so aus, als würde er noch etwas sagen wollen, doch dann wandte er sich ab und ging zurück.





























































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