Ascardia 3 – Kapitel 5

~Cayden~
Eine solche Fürstenversammlung hatte es schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Obwohl nicht alle Fürsten hier waren, waren doch die wichtigsten anwesend.
Jeder, der stark genug gewesen war, um ein Elementlicht zu bändigen. Sogar Lilithoria hatte sich die Ehre gegeben.
»Es ist selten, Euch hier zu sehen, Fürst Veylenreach«, bemerkte Fürst Mourningvale mit seiner leisen, fast geisterhaften Stimme.
Sein graues Haar umspielte sein jugendhaft wirkendes Gesicht, doch die dunklen Augen lagen tief in den Augenhöhlen und ließen auf sein Alter schließen. Schon als mein Vater noch über Veylenreach regiert hatte, hatte sich Fürst Mourningvale um die verstorbenen Seelen unserer Ahnen gekümmert.
»Die Situation ist ernst.« Das sollte als Erklärung reichen. Jeder hier wusste, dass es so weit war. Dass das geschah, wovor wir uns alle fürchteten.
»Das Erwachen eines Ur-Fae kommt unerwartet«, bemerkte Fürst Halcyr. Als Verwalter des Wissens unserer Art hätte er der erste sein müssen, der von dem Erwachen erfuhr und es einordnete. Doch so wie er die Worte formulierte, hatte auch er nicht damit gerechnet.
Das machte mich nachdenklich. War es kein normales Erwachen? Hatte etwas meinen Vater dazu bewogen, früher aus dem Schlaf zu kommen?
»Es ist zu früh für seine Wiederkehr«, stimmte Lilithoria zu.
Sie saß mit geschlossenen Augen am Tisch und wirkte, als würde sie gleich einschlafen. Jeder hier wusste jedoch, dass sie lauschte. Bis auf Zevrael vielleicht. Er war hier fehl am Platz und trotzdem war er gekommen. Als Fürst Dornes Nachfolger hatte er zwar keine Errungenschaften vorzuweisen, die ihm einen Platz hier verschafft hätten, doch er war jung und musste über die aktuellen Vorkommnisse in Kenntnis gesetzt werden. Nur würde ich mich nicht darum kümmern.
»Wir können also davon ausgehen, dass sein Wahnsinn noch nicht geheilt ist?« Fürst Verdante hatte einen berechtigten Punkt. Wenn es zu zeitig war, dann konnte er nur als Gefahr für die Fae-Welt zurückkehren.
Immerhin war das der Grund, warum wir uns vor vielen Jahren zusammengeschlossen hatten, um ihn von der Welt zu tilgen. Auch, wenn es uns nicht gelungen war.
»Es ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich«, erklärte Lilithoria. Ihre Stimme emotionslos, als würde sie das alles gar nichts angehen, während in meinem Inneren die Wut hochkochte. Ich hasste meinen Vater. Dafür, was er meiner Mutter, aber auch meinen Brüdern angetan hatte. Er hatte Hand an seine eigene Familie gelegt und die Fae damit nahe an den Abgrund gebracht.




»Was sollen wir jetzt tun? Seine Auferstehung verhindern?«, wollte Zevrael wissen. Eine Frage, die mich fast schnauben ließ.
Zum Glück war es Fürst Halcyr, der sich seiner annahm. Unter den Fae war er vermutlich der mit der meisten Geduld. »Dummer Junge«, tadelte er ihn mit einem Lächeln, das nicht verriet, ob er über Zevraels Naivität belustigt war oder es ihm einfach egal war. »Damit würden wir ein Tabu brechen. Das kommt also nicht in Frage.«
»Wir werden warten, bis er erwacht und uns dann ein Bild machen«, entschied Fürst Mourningvale.
Ayden neben mir nickte angespannt, doch ich spürte, dass er seine Wut kaum im Griff hatte. Mir ging es ähnlich, doch auch ich nickte.
»Damit ist es entschieden«, verkündete Lilithoria, was bei Zevrael für Verwirrung sorgte.
Zevrael hatte bei der Feier in meinem Anwesen lediglich die Fürsten kennengelernt, die für die Wirtschaft unseres Landes zuständig waren. Unwichtige Leute, die gern viel sprachen und nichts entschieden, weil sie keine wirkliche Macht hatten. Dieser Rat hier war anders. Älter, mächtiger und weniger kurzsichtig in seinen Entscheidungen.
»Kommen wir zum nächsten Punkt«, verkündete Fürst Mourningvale und blickte dann zu mir.
Meine Mine blieb kühl. »Ich beantrage das Vorziehen der nächsten Opferungen.« Meine Stimme war ruhig und mein Blick starr nach vorn gerichtet. Trotzdem bemerkte ich das leichte Zucken von Aydens Augenbrauen. Er hatte von meinem Plan gewusst, schien aber überrascht, dass ich ihn wirklich vorbrachte.
»Eine weise Entscheidung«, pflichtete mir zu meiner Überraschung Lilithoria bei.
Stille breitete sich aus und was auch immer die anderen Fürsten hatten sagen wollen, hielten sie zurück. Selbst Zevrael konnte die einzige Frau in unserer Runde nur nachdenklich anstarren. Zumindest war er schlau genug, Lilithoria nicht zu widersprechen. Damit hätte er sich den Ärger von uns allen eingefangen.
»Eine offizielle Auswahl in den Graustein-Ketten.«
Ich hörte, wie Fürst Halcyr nach Luft schnappte. »Offiziell? Das ist seit Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen«, bemerkte er mit einem Funkeln in den Augen. Ich wusste, dass er diese Art der Auswahl bevorzugte, doch sie kostete bei weitem mehr Zeit. Allerdings wollte ich sie mir für diese spezielle Auswahl nehmen.




»Irawyn wäre nach der Reihenfolge als nächstes dran«, erinnerte mich Fürst Mourningvale, klang dabei aber eher nachdenklich.
»Das ist richtig. Aber dort gab es noch nie eine offizielle Auswahl. In den Graustein-Ketten hingegen sollten noch immer Überlieferungen kursieren. Sie werden also wissen, was zu tun ist.« Ich war mir bei dieser Tatsache nicht sicher, doch es war eine gute Ausrede.
Lilithoria öffnete ihre Augen und musterte mich einen Moment. Fast so, als könnte sie mir in die Seele sehen.
Meine Sorge galt jedoch eher Fürst Mourningvale. Würde er die Lüge erkennen?
Das Feuerlicht gab ihm in diesem Bereich einen Vorteil. Deshalb hatte ich auch mit Ayden geübt, der mittlerweile nicht mehr sagen konnte, ob ich die Wahrheit sagte oder nicht. Und wenn er es nicht bemerkte …
»Einverstanden.« Fürst Mourningvale nickte und auch Fürst Halcyr stimmte zu.
Lilithoria schloss ihre Augen erneut. »Damit wäre es besiegelt. Fürst Veylenreach. Es ist wie immer Eure Aufgabe.«
»Es ist mir eine Ehre.«
Bis jetzt hatten mich die Opferungen nie interessiert, doch dieses Mal war es anders. Dieses Mal musste ich mir die Frauen sehr genau aussuchen. Sie waren ein wichtiger Spielstein in meinem Plan.

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