DBdD-Kapitel 71

Es dauerte Stunden, bis alle Überlebenden in der Burg ankamen und dort untergebracht waren. Auch Fürst Veren, der ebenfalls alles verloren hatte, bekam eine Unterkunft. Damit war die Burg so voll, wie noch nie, was Yelir jedoch kaum störte. Er war einfach froh, dass er so vielen hatte helfen können.

Mit langsamen, schweren Schritten schlurfte er neben Zunae her, die nicht gerade schneller war als er. Ihre Lider flackerten immer wieder, als würde sie gleich im Stehen einschlafen, doch sie hielt ein Gähnen zurück.

Beide hatten ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten ausgereizt, waren aber völlig zufrieden.

Als Yelir seine Zimmertür öffnete, fiel er fast hinterher, so schwer fühlten sich seine Beine an.

Der Duft von gekochtem Wurzelgemüse stieg ihnen in die Nase, was beide sofort innehalten ließ.

Ihre Blicke wanderten umher und entdeckten schließlich die dampfenden Schüsseln auf dem Tisch.

Zunae lief das Wasser im Mund zusammen, bevor ihr Bauch laut knurrte. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie so hungrig war.

Neben dem kräftigen Eintopf lagen zwei Handtücher und die Tür zum Badezimmer war leicht geöffnet.

»Belle ist wirklich talentiert«, bemerkte Yelir, der sich auf den Stuhl fallen ließ. So schwer, dass er diesen fast umkippte.

»Ist sie wirklich«, erwiderte Zunae und ließ sich ebenfalls nieder. Dann schloss sie einen Moment die Augen, während sie den Geruch genoss. Genau das, was sie gerade brauchte, nur fühlten sich ihre Arme so schwer an, dass sie diese nicht heben konnte.

Am liebsten hätte sie sich sofort hingelegt, doch sie waren beide voller Blut, Asche und Dreck. So konnten sie nicht ins Bett. Außerdem knurrte ihr Magen auffordernd.

»Iss etwas«, bat Yelir, der selbst nur mit zitternden Armen essen konnte. Allerdings spürte er bereits beim ersten Bissen, wie sehr sein Körper es brauchte. Zu viel Magie zu nutzen war nicht gut für den Körper.

Zunae zwang sich dazu, ihren Arm zu heben und einen Löffel Suppe zu nehmen. Als sie die Stückchen sah, spürte sie noch mehr Erschöpfung. Die Vorstellung zu kauen machte sie müde.

Als sie jedoch die Suppe in den Mund nahm, spürte sie, wie das Gemüse und auch das Fleisch, auf ihrer Zunge zergingen.



Ein leises, zufriedenes Stöhnen verließ ihre Lippen, das von Yelir mit einem Lachen erwidert wurde.

Er entspannte sich nur langsam, genau wie Zunae. Dadurch, dass so viel in so kurzer Zeit geschehen war, erwartete er jederzeit ein weiteres Problem. Selbst jetzt war er auf der Hut. Er wollte seine Frau beschützen, koste es, was es wolle. Dass sie sich erneut selbst in Gefahr gebracht hatte, gefiel ihm nicht, doch er würde es akzeptieren müssen.

»Das Essen tut gut«, murmelte Zunae, die noch immer vor sich hin döste, doch langsam aß. Die Wärme durchströmte sie auf eine sehr gute Weisen.

Yelir nahm seine Kraft zusammen und erhob sich als erstes, als ihre Schüsseln leer waren.

Langsam trat er um den Tisch herum und reichte Zunae den Arm, um ihr aufzuhelfen. »Es wird Zeit zum Baden«, sagte er sanft.

Zunaes Lippen zuckte, als sie sich aufhelfen ließ. Ihre Bewegungen waren langsam und vorsichtig. Immer wieder spürte sie leichte Stiche in ihren Schultern und ihrem Nacken. 

Yelir spürte das Bedürfnis, ihr eine Massage anzubieten, doch er war sich sicher, dass er nicht weit kommen würde, bevor er einschlief. 

Als sie das Bad betraten, bemerkten sie das Wasser, das bereits im Zuber war. Dazu Kräuter, die angenehm dufteten.

Yelir half Zunae, sich auszuziehen, auch wenn sie die Kleidung einfach nur zu Boden fallen ließen, bevor sie langsam in das warme Wasser einstiegen.

Zunae schloss ihre Augen und ließ sich hineingleiten, während Yelir sie genau im Auge behielt.

Erst, als sie sicher saß und entspannte, ließ er sich neben ihr nieder. Seine Schultern entspannten sich etwas, doch erst, als Zunae sich vertrauensvoll an ihn schmiegte, spürte er die Last von sich abfallen.

Sanft legte er ihr einen Arm um. »Das hast du dir verdient«, flüsterte er ihr ins Ohr und streichelte ihre Seite.

Zunae stieß ein Seufzen aus, bevor die Müdigkeit sie in einen Traum zog, den sie so schon lange nicht mehr gehabt hatte.

 

Dunkelheit umgab sie. Drückend und kalt. Anders als chiakis Nachthimmel war diese Dunkelheit beißend. 

Zunae hörte lautes Krachen, Zischen und Schreien. Obwohl sie es nicht sehen konnte, hatte sie doch das Gefühl, auf einem Schlschtfeld zu stehen.



Ihr Blick wanderte umher, doch die Dunkelheit blieb. Gleichzeitig spürte sie jedoch einen Hauch. Warm und rauchig.

Ein Atem?

Überrascht drehte sie sich in die Richtung, aus der sie den Atem vermutete.

Wer oder was war das? Was wollte er von Zunae?

Sie machte zögerlich zwei Schritte, auch wenn sie nicht das Gefühl hatte, sich wirklich zu bewegen. Doch etwas änderte sich.

Der Atem wurde stärker und ein leises Knurren erklang vor ihr. Dann änderte sich die Dunkelheit. Wurde zu einem goldenen Strudel. Gold, Gelb und Orange vermischgen sich, bis ein schwarzer Riss die goldene Kugel durchzog.

Keuchend taumelte Zunae zurück, als sie die Augen erkannte. Eines so groß wie sie selbst. Direkt vor ihr. So nah, dass sie nur die Hand strecken musste.

Statt Angst spürte sie jedoch nur Faszination.

»Bald schon werden wir uns begegnen. Ich hoffe, du bist bereit dazu«, erklang ein Knurren, das ihr Rauch ins Gesicht bließ.

Hustend schloss sie die Augen.

War das eine Drohung oder ein Versprechen?

Zögerlich blinzelte Zunae, die sich plötzlich auf einem reichlich gefüllten Innenhof befand.

Die Menschen um sie herum waren gesichtslos, doch in die typisch kriegerische Tracht der Nordländer gekleidet. Zudem erkannte sie den großen Baum wider, der sich in einem Innenhof auf der Burg befand.

Ihr Blick wanderte aus einem Instinkt heraus nach oben. Dort strahlten die Sterne viel heller als normal. Einer, der besonders hell strahlte, löste sich und zog einen wunderschönen Schweif mit sich.

Weitere folgten und hüllten die Landschaf in ein Meer aus Farben, das sich um Zunae verdichtete. Als würde es sie umarmen wollen.

Als einer der Sterne direkt auf sie zuschoss, kniff sie ihre Augen zusammen. Ein Ruck zog ihr den Boden unter den Füßen weg und sie krachte mit dem Rücken auf etwas Festes.

Rauch stieg ihr in die Nase, Schreie drangen an ihre Ohren und etwas Kaltes tropfte auf ihr Gesicht.

Als sie zögerlich ihre Augen öffnete, blickte sie in das Maul eine Wesen, dessen Zahl so groß wie Zunaes Kopf war.

Ein spitzer Schrei verließ ihre Lippen.

 

»Zunae!« Yelir schüttelte seine schlafende Frau, die leise wimmerte und sich unruhig in seinen Armen wand, doch sie reagierte nicht. Sein Herz schlug schneller, während er ihre schweißnasse Stirn musterte. Hatte sie wieder eine Vision? Aber er spürte nicht die Art von Magie, die sie in der Zeit herumschleuderte. Trotzdem konnte er sich nicht beruhigen. Nicht, solange sie nicht reagierte.



Er wollte gerade erneut ihren Namen rufen und sie schütteln, da öffnete sie träge blinzelnd ihre Augen. 

Zuerst erkannte sie Yelir nicht, weil die Dunkelheit ihres Traumes noch nachhing, doch dann erkannte sie seine aufgerissenen, grünen Augen, die gerunzelte Stirn und die Sorgenfalten um seinen Mund. »Yelir?«, fragte sie etwas benommen und griff sich an den Kopf.

»Ich bin hier«, versicherte er, wobei er die Luft erleichtert ausstieß.

Zunae blinzelte, um die Schlieren vor ihren Augen zu klären. Sie fühlte sich noch immer so träge und erschöpft, dass es sie nicht wunderte, dass ihre Augen nicht richtig sahen. »Bin ich eingeschlafen?«, fragte sie, während sie sich versuchte zu orientieren. Das Wasser, in dem sie saß, war noch warm. Sie konnte also nicht lange geschlafen haben.

»Ja«, erwiderte Yelir, der eine Hand auf ihre Stirn legte. Sie war blass, doch warm war sie zum Glück nicht. »Hattest du eine Vision?«

Vielleicht hatte ihre Magie sie dieses Mal nicht mit sich gezogen, weil sie zu erschöpft war?

»Ich … glaube nicht. Es wirkte eher wie ein Traum«, erwiderte sie zögerlich. So ganz sicher war sie sich aber nicht.

Yelir erhob sich. »Du bist müde. Zeit sich hinzulegen. Wir haben noch einiges vor uns, wenn wir morgen aufstehen.«

Da hatte er allerdings recht.

Zunae stützte sich am Rand ab und erhob sich mit einem Stöhnen. Sie wollte nichts sehnlicher, als endlich zu schlafen.

Hoffentlich traumfrei.

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