DBdD-Kapitel 73

Es waren viele Tage Arbeit, doch als der Morgen der Leuchtenden Sommersterne endlich näherrückte, erwachte Zunae bereits vor der Sonne. Sie war aufgeregt und erhob sich schwungvoll aus dem Bett, bevor sie überhaupt bemerkte, dass Yelir bereits wach war.
Angezogen kam er aus dem Bad mit der Absicht, sie zu wecken und hielt nun lächelnd inne. »Guten Morgen, Liebes«, sagte er, was bei Zunae ein angenehmes Kribbeln im Bauch auslöste.
Liebes.
Er hatte sie noch nie so genannt.
»Guten Morgen«, erwiderte sie, obwohl sie eigentlich meckern wollte, weil er sie nicht geweckt hatte. Aber so, wie er strahlte, konnte sie ihm einfach nicht böse sein. »Wie spät ist es?«, fragte sie, bevor sie zum Fenster sah. Dort war es noch recht dunkel.
»Weit vor Sonnenaufgang«, erwiderte Yelir, der seine Weste zurechtrückte. Draußen war es verhältnismäßig warm, weshalb er lediglich ein dickeres Leinenhemd und darüber eine Weste trug. Während das Leinenhemd weiß und recht schmucklos war, war die Weste mit kleinen Perlen verziert, die Sternenbilder bildeten.
»Oh«, stieß Zunae mit einem Seufzen aus und entspannte sich etwas. »Gehst du schauen, wie es in der Küche läuft?«, fragte sie, als sie sich aus ihrem Nachtkleid schälte und einen Bademantel überwarf. Sie wollte sich nur schnell waschen, bevor sie noch einmal den Aufbau kontrollierte.
»Ja. Aber ich kann auf dich warten«, sagte er schmunzelnd. Er würde sich besser fühlen, nicht allein die Sachen kontrollieren zu müssen.
»Ich beeil mich«, sagte sie und rannte dann ins Bad, um keine Zeit zu verlieren.
Zurück kam sie nur wenig später in einem einfachen, schwarzen Wollkleid, was sie trotzdem sehr elegant wirken ließ.
Sie liebte dieses Kleid, weil es warm war und sie sich darin gut bewegen konnte. Allerdings war es nicht repräsentativ genug. Daher würde sie sich später noch einmal umziehen müssen.
»Gut siehst du aus«, bemerkte Yelir, der es kaum erwarten konnte, ihr das Geschenk zu geben. Auch, wenn es eigentlich etwas war, das sie bereits kannte und das ihr gehörte. Trotzdem wollte er ihre Reaktion sehen.
»Du erst«, erwiderte Zunae, die sich bei ihm einhakte und ihm ein Lächeln schenkte. Yelir bemerkte jedoch, dass ihre goldenen Augen nicht mehr so strahlen wie sonst. Das ging schon eine Weile so und er hatte es auf die ganze Arbeit geschoben. Allerdings konnte es auch an der Fehlgeburt liegen, doch wenn Yelir an die Zeit in den Südlanden zurückdachte, dann war da ein strahlen. Nicht direkt nach der fehlgeschlagenen Geburt, doch danach. Es war in ihre Augen zurückgekehrt. Aber wann war es wieder verschwunden?




»Freust du dich auf heute?«, fragte er, denn er wusste, wie viele Geschenke sie vorbereitet hatte. Ihre Familie war nicht hier, doch das störte sie kaum. Sie hatte genug Menschen liebgewonnen, um sie zu beschenken.
Yelir war in diesem Punkt anders. Er würde seine Familie, Degoni, Dainte und Lacrew beschenken. Aber vor allem seine Frau. Für ihr Geschenk hatte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt.
»Ja. Es wird auf alle Fälle besonders«, sagte sie und lachte leise. Es würde so ganz anders werden, als in den Südlanden. Dort wurde nicht der Tag der Leuchtenden Sommersterne gefeiert, dafür gab es einen anderen Tag zum Feiern. Einen, worüber sie nicht traurig war, ihn nicht mehr zu feiern.
»Das will ich doch hoffen«, erwiderte Yelir lächelnd, als sie ihre Räumlichkeiten verließen, um zuerst in der Küche vorbeizuschauen.
Dort herrschte reges Treiben. Weil sie etwas zu tun haben wollten, hatte Yelir dem Vorschlag die Bewohner von Vereven auf der Burg einzuteilen, zugestimmt. Darum waren viele Frauen und jüngere Männer in der Küche am werkeln. Heute würde es einige Speisen geben, doch die Küche sollte nur bis Mittag geöffnet sein, damit auch wirklich jeder an der Feier teilnehmen konnte.
Daher hatten Yelir und Zunae alles bis zur letzten Sekunde durchdacht. »Wie sieht es aus?«, wollte Zunae von Elias wissen, der sich als Küchenchef mit so vielen Mitarbeitern richtig wohl zu fühlen schien.
Er lächelte, als er auf sie zukam und sich verneigte. »Alles läuft nach Plan«, versicherte er mit einem zufriedenen Lächeln.
»Das ist gut zu hören«, antwortete Yelir mit einem erfreuten Nicken.
Am Herd, wo gerade ein riesiger Topf mit Suppe gekocht wurde, wandten sich zwei der Frauen zu Yelir um und wurden bei seinem Anblick rot, bevor sie leise zu tuscheln begannen. Ein Verhalten, das Zunae bei vielen Frauen sehen konnte, die Yelir mit seiner Magie zur Burg gebracht hatte. Sie war sich nur unsicher, ob sie hinter ihm her waren, wie es die Frauen waren, die in Lacrews Harem lebten, oder ob sie einfach nur dankbar waren. Was sie jedoch sicher wusste war, dass sie sich eine solche Frau eher an Yelirs Seite vorstellen konnte. Eine Hilfe, die ihn unterstützte und nicht nur hinter seinem Ansehen her war.




»Lass uns weiter gehen«, bemerkte Yelir, der Zunae deutete, die Küche zu verlassen.
Diese wandte sich um und folgte ihm, während sie sich etwas darüber ärgerte, dass sie niemanden hatte, dem sie Yelir anvertraue konnte. Alles kam so plötzlich, dass sie nicht vorbereitet war. Aber dagegen konnte sie nun auch nichts mehr machen. Sie wollte dieses Fest mit Yelir genießen und hoffte, dass er danach …
Ihre Gedanken brachen ab, als sie hinaus in den Innenhof kamen, der für die Feier vorbereitet war.
Blumengirlanden waren über den ganzen Hof verteilt. Die Blumen leuchteten in der anbrechenden Dämmerung, weil viele Magiesteinsplitter an ihnen angebracht waren.
»Wunderschön«, hauchte sie, weil es fast einem Sternenhimmel glich.
Yelir lächelte und beobachtete Zunaes Gesicht von der Seite. Ihre aufgerissenen Augen und der Mund, den sie leicht geöffnet hatte, ließen sie wirklich wunderschön aussehen. Und endlich war es wieder da. Das Funkeln in ihren Augen, wenn auch nur für einen Moment. Fast so, als würde sich ein Schleier darüber legen, als sie sich ihm zuwandte.
Yelir wollte mit ihr sprechen, doch nicht während dieser Feier. Er wollte die Stimmung nicht zerstören. Das Leuchten der Sommersterne war ein wichtiger Feiertag.
Yelir schielte zu Chiaki, der seit einigen Tagen durch die Burg schlich und immer wieder bei den Kindern landete. Heute streifte er durch den Garten, als würde er alles inspizieren.
Er inspizierte die Decke, die am Boden auf dem Gras lag. Dort waren auch mehrere Kissen aufgebaut. Ein Platz für den Geschichtenerzähler, der am Morgen die Kinder unterhalten sollte.
In der Nähe gab es einen Platz für die Musiker, die für eine gemütliche Atmosphäre sorgen würden.
Yelir hatte diesen Part Ariel überlassen, da sie sich am besten im Harem auskannte. Er wusste zwar, dass sie Charlet involviert hatte, doch es war ihm mittlerweile egal. Er hatte Übung darin, die Frauen zu ignorieren.
»Sieht alles gut aus«, bemerkte Yelir zufrieden. Auch der kleine Hindernislauf für die Kinder war aufgebaut. Er freute sich schon darauf, ihnen zuzusehen, hatte aber auch ein wenig Sorge.
Er schielte zu Zunae, die leicht lächelte. Hoffentlich würden die spielenden Kinder sie nicht an ihr eigenes erinnern, das sie verloren hatte.




Yelir wünschte sich eine Zukunft mit ihr, die auch mit Kindern erfüllt war, doch er wusste nicht, ob das möglich sein würde. Nicht, nachdem das Baby in seinen Händen zerfallen war.
»Wollen wir uns die anderen Räume ansehen?«, fragte Zunae.
Da sie sehr viele Menschen waren, hatte sie auch ein paar andere Räume eingerichtet. Unter anderem mit Spielen für Erwachsene, wie Schach.
Zudem gab es ein paar Räume, in denen man sich zurückziehen konnte.
»Ich hoffe, dass alles gut geht«, murmelte Yelir, dem Zunaes abwesende Art Sorgen machte. Er traute sich jedoch auch nicht zu fragen.
»Bestimmt«, lächelte sie und nahm Yelirs Hand, um sie beruhigend zu drücken.
Yelir erwiderte die Geste und suchte ihren Blick, doch Zunae wich aus. Etwas, das er so nicht von ihr kannte. »Geht es dir gut?«, fragte er vorsichtig. Seine Augen suchten nach Antworten, bevor sie antwortete, doch er konnte ihre Mimik nicht lesen.
»Mir geht es gut«, erwiderte Zunae und lächelte. Doch erneut erreichte es ihre Augen nicht. Etwas, das Yelir nicht verborgen blieb.
Es erinnerte sie an die Momente, in denen sie glaubte, er hätte sie mit Ariel betrogen oder als sie sich nicht traute, ihm von dem Kind zu erzählen.
Yelir machte einen Schritt auf sie zu und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ich möchte nicht, dass du mich anlügst«, sagte er ernst und bohrte seinen Blick in ihren.
Tränen bildeten sich in ihren goldenen Augen, bevor sie den Blick abwandte und mit zittriger Hand ihren Arm griff, als würde sie sich damit selbst stützen.
»Tut mir leid«, flüsterte sie mit erstickter Stimme und schluchzte leise. Sie wollte nicht weinen, weil sie diese Tage genießen wollte, doch in ihrem Hals saß ein Klos und in ihrem Magen rumorte es. Ständig kämpfte sie gegen die Tränen, weil sie wusste, dass diese glücklichen Tage bald vorbei waren.
»Was ist los mit dir?«, fragte er mit rauer Stimme und zog sie sanft in den Arm, um ihren Rücken zu streicheln.
Zunae schluchzte noch einmal, doch Wörter brachte sie nicht hervor.
Yelir verzog die Lippen und zog sie fester. »Ich wollte dich nicht beunruhigen«, sagte er sanft, denn er hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben.
Seine Hand wanderte langsam über ihren Rücken, um sie zu streicheln, während er schweigend aus dem Fenster blickte.




Draußen erhob sich ganz langsam die Sonne über den Horizont. Die Feier würde bald beginnen, doch er war sich unsicher, ob Zunae bereit dafür war. So wie sie zitterte und weinte, erinnerte es ihn an den Tag, an dem sie von der Vision zurückgekehrt war. Die, die ihre Fehlgeburt verursacht hatte.
Oder hatte sie eine weitere Vision gehabt, von der sie nichts erzählt hatte? Immerhin war bei ihm in den letzten Tagen ein Brief aus den Südlanden eingekehrt, der die Unterstützung im Ernstfall anbot.
Was hatte Zunae ihnen geschrieben, dass sie bereit waren, ihre Armee zu schicken?
Sollte er das Angebot annehmen? Aber solange er nicht genau wusste, auf was er sich einließ, würde er ihre Schwestern nicht in Gefahr bringen.
Er hoffte nur, dass Zunae bald mit ihm sprach, denn er hasste es, im Dunkeln zu tappen.

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