Kapitel 32
Der holzigwarme Duft verteilt eine leichte Süße mit einer fruchtigen Note. Wie abgesprochen treten Clive und Cuno zu den späten Abendstunden in Sinas Gemach. Ein Raum getaucht in Kerzenschein. Ein Blütenteppich kriecht über den Boden und gibt den Besuchern das Gefühl, die Natur erobere den Ort zurück. Auf dem Boden sitzt Sina mit einem Mörser in der Hand. Gefüllt mit allerlei Zutaten. Kaum zu definieren, schließlich wurden diese bereits zerstoßen und kleingemahlen.
„Sei gewarnt, Clive, die Meeresbohne speichert Meersalz in ihren Zellen, das wirst du schmecken“, versichert die Fee ihm, als spreche sie aus Erfahrung.
„Wird die Meeresbohne in deiner Heimat nur für Rituale verwendet?“, hinterfragt der Alchemist mit ehrlicher Neugier, während er sich zu ihr am Boden gesellt.
Aus dem Augenwinkel erfasst er Caspian, der im Hintergrund weitere Räucherstäbchen anzündet.
„Die Meeresbohne gehört zum Grundnahrungsmittel. Ob bei Ritualen oder in unserer Küche findet sie Gebrauch“, antwortet Sina mit einem Lächeln, als schwelge sie kurz in Erinnerungen.
Bei all den Blütenständen sollte Sina genug Bohnen erhalten, um sich an der Kochkunst aus ihrer Heimat zu wagen. Daher gesteht er ihr: „Ich würde gerne ebenfalls auf den Genuss von den Speisen deiner Heimat kommen.“
Ein Anliegen, das sie innehalten lässt. Vom Mörser blickt sie auf. Zögernd, als habe sie sich verhört. Kaum treffen sich ihre Blicke, hebt sich ihre Augenbraue.
„Wirklich?“
Kaum abgenickt, strahlt ihr Gesicht.
„Gut, dann lade ich euch zum Essen ein. Sobald sich die Gelegenheit bietet.“
„Ich freue mich drauf.“
Ehrlich Worte, die ihr einen sanften Ausdruck verleihen.
„Sina!“ Cunos Ruf klingt zuerst streng, doch ein Blick zu ihm zeigt einen Ausdruck aus purer Entschlossenheit. „Du erwähntest, dieses Ritual nimmt Kontakt zu den Ahnen auf, richtig?“
„Schon. Eine von vielen Möglichkeiten. Clive hingegen wird reisen. Eine Astralreise, begleitet von Trommelschlägen.“
Sina dreht sich suchend zur Seite, woraufhin eine Wurzel heranwächst, die ihr einen kleinen Zylinder aus Holz bringt. Der untere Bereich wirkt sehr schmal im Vergleich zu dem Kopf. Während auf der obere Ebene eine feste Schicht bespannt wurde. Zugern würde Clive die Einzelheiten hinterfragen, doch die Zeit drängt. Daher hält er sich zurück.
„Ah, da ist sie. Die habe ich vor kurzem noch gebastelt. Klein, aber fein. Ich habe mich sogar daran geübt und glaube, ich kriege den Rhythmus hin.“
Nur kurz begutachtet Cuno die kleine Trommel, um schließlich zu ihr in die Hocke zu gehen. Mit einem Anliegen.
„Glaubst du, ich könnte Kontakt zu meinem Vater aufnehmen? Er starb vor einigen Jahren und bei all dem Chaos könnte ich seinen Rat gebrauchen.“
Sina wirkt überfordert. Der Blick fällt kurz auf die Trommel, um schließlich ihren Mund zu einem schmalen Strich zu pressen.
„Verzeih, Cuno. Ich kann nicht Clive leiten und gleichzeitig dir den Kontakt zu deinem Vater ermöglichen. Für jeden Reisenden wird ein Begleiter zur Verfügung gestellt. Unser Stammeshäuptling hat immer Kontakt zu den verstorbenen Oberhäuptern aufgenommen, um ihnen von der Lage zu berichten und Rat zu suchen. Andere Reisende wurden erwählt durch eine Prüfung und ein jeder erhielt dafür einen Begleitschutz. Wir könnten das Ritual wiederholen, wenn dies dein Wunsch ist.“
„Nicht nötig“, meldet sich Caspian, „Ich habe Erfahrung darin, andere auf der Suche nach ihren Ahnen zu begleiten. Ich kann den Paladin übernehmen.“
Skeptisch blickt Clive auf. „Ich wusste nicht, dass dies zum Aufgabengebiet der Schwarzrobe gehört.“
Caspian winkt ab und wirkt überzeugt, als er behauptet: „Weil du dich nie für mein Gebiet interessiert hast. Aber in unserer Branche gibt es viele Kunden, die noch einmal Abschied zu den Verstorbenen nehmen möchten. Nicht durch die Vorbereitungen eines Begräbnis, sondern ein Gespräch zu der Seele, die den Körper verlassen hat. Kürzlich verstorbene lassen sich oft schnell finden, weil ein Teil von ihnen noch vor Ort wandelt, aber bei einer längeren Zeitspanne wird dies ein mühseliger Prozess. Ich hoffe, der Paladin trägt etwas mit sich, dass seinem Vater viel bedeutet hat.“
„Sein Schwert.“
Cuno greift instinktiv an seinen Waffengürtel, um dort zu verharren. Mit einem unsicheren Ausdruck. Schließlich greift er unter sein Leinenhemd und holt eine Kette hervor mit einem roten Edelstein. Eingerammt in einem filigranen Rahmen, der ein Herz darstellen soll.
„Ein Geburtstagsgeschenk von meiner Mutter. Statt es nach dem Tod wieder an sich zu nehmen, übergab sie es mir. Mit der Bitte, es an den Menschen weiterzureichen, der mein Herz stiehlt und mein Leben mit Freude erfüllt. Sie hat meinen Vater über alles geliebt, umso schwer ertrug sie den Anblick der Kette, aber mein Vater bestand immer darauf, dass dieses Schmuckstück weitergereicht werden soll. Ich trage es seit seinem Begräbnis. Immer versteckt, damit ich meine Mutter nicht an ihren Verlust erinnere.“
Caspian schnippt freudig, während die Geschichte schwer in Clives Magen liegt. Es gibt so vieles, was er über seinen Freund nicht weißt. So viel Schmerz und Kummer, den Cuno bislang still mit sich trug. Am Verlust seines Vaters nagt Cuno ebenfalls. Das zeigte er des Öfteren und machte daraus auch nie ein Geheimnis. Sein Vater war sein Vorbild. Sein Held. Ein Mann, in dessen Fußstapfen der Sohn treten mag.
„Wunderbar. Ein kraftvolles Relikt. Voll von Emotionen. Die aufrichtige Liebe zählt zu dem stärksten Band. Eins, das die schlummernde Seele finden und nicht mehr loslassen wird“, freut sich Caspian laut, als bemerke er nicht die beklemmende Stimmung zwischen all den anderen.
Selbst Sina betrachtet Cuno mitleidig und überwindet sogar sämtliche Distanz. Zögerlich ergreift sie die Hand des Paladins, die an der Kette liegt. Ihr Lächeln wirkt ganz sanft, dennoch traurig.
„Ich wünsche mir, dass dir deine Reise glückt und dein Vater sehen kann, zu was für einen großartigen Mann du herangewachsen bist“, spricht ihr Herz.
Worte, die Clive gerne teilen mag. Nur fühlt er dieses böse Stechen. Der Keim von Neid. Beschämende Gefühle, die seinen Wert mindern. Trotz Trost bleibt Cunos Laune trüb. Nicht bereit, mit seinem Umfeld zu agieren. Sein Geist wirkt fern, als bereite er sich auf die Kontaktaufnahme zu seinem Vater vor. Etwas, was Sina zu erkennen scheint, so löst sie ihre Hand von ihm und konzentriert sich wieder auf die Arbeiten am Mörser.
Kaum entfernt sich Cuno mit Caspian in eine andere Ecke, nimmt Clive auf Sinas Geheiß Platz auf dem Pflanzenteppich. Sina positioniert ein Gefäß mit den Räucherstäbchen direkt vor ihm und legt die Trommel zwischen die Beine.
„Drei Bekannte führte ich bereits durch das Ritual. Einer von ihnen drohte mir verloren zu gehen. Weil sein Kopf voll von negativer Emotionen war…“
Ertappt hebt Clive den Blick.
Ob ihr seine Eifersucht auffiel?
„Jenara mag uns erst kürzlich begegnet sein, aber sie bringt Unruhe über deinen Geist. Deshalb ist es wichtig, dass du deinen Kopf leerst. Stelle dir vor, deine Probleme sammeln sich in dem Kelch einer Blüte. Eine, die du fallen lässt und dich von all deinen Sorgen befreist. Das ist wichtig, denn sonst wittern dich böse Energien. Bist du in Gefahr oder fühlst dich unwohl, dann rufe mich. Ganz laut! Ich bin hier und hole dich zurück. Du bist sicher. Öffnest du Türen, dann schließe diese auch bitte wieder, ansonsten gewährst du anderen Energien die Möglichkeit, dich zu begleiten. Du könntest sie mit in unsere Welt nehmen, wo sie Chaos anrichten. Und behalte im Hinterkopf, dass du ein Zeitlimit hast. Wenn die Kerze neben mir zu Ende brennt, dann muss ich dich zurückholen. Weigerst du dich, gehst du mir ebenfalls verloren und zurück bleibt eine leere Hülle. Es besteht die Möglichkeit über eine List. Ein Mimic kann mich imitieren. Ein Wesen, das dich täuscht. Daher die Trommel. Du kannst dir nur sicher sein, wenn die Trommelschläge meine Stimme begleiten. Bitte behalte das im Hinterkopf. Wir agieren als Einheit. Daher bitte ich dich, beantworte zwischendurch meine Fragen zu deinem Gemütszustand immer ehrlich. Sollte ich erkennen, dass dieses Ritual besser abgebrochen wird, werde ich dich zurückrufen, obwohl die Kerze noch brennt. Leuchtet das bislang ein?“
Aus Sinas Munde hört sich sein Vorhaben gefährlicher an, als er annahm. Die Vertrauensbasis besteht, nur fürchtet er den ersten Schritt. All die Emotionen, die seinen Geist aufwühlen.
Kann er sich davon lösen?
Dies sollte besser vorerst herausgefunden werden. Daher nimmt er die Brille ab und legt diese auf seinen Koffer neben sich.
Ein tiefer Atemzug und er schlägt vor: „Beginnen wir zuerst mit dem ersten Schritt. Muss die Kerze dafür schon brennen oder kann ich zuerst schauen, wie viele Versuche ich brauche, um meinen Kopf zu leeren?“
„Das Ritual beginnt erst, wenn du diesen Schritt hinter dir hast. Erst, wenn du überzeugt bist, Erfolg gehabt zu haben, dann entzünde ich die Kerze.“
Das sind gute Neuigkeiten. Denn es wäre fatal, wenn ihm aufgrund dieser Schwierigkeit Zeit genommen wird, die er für das Gespräch mit Jelko braucht.
„Gut, dann wage ich mich an den Versuch.“
Kaum zu Ende gesprochen, schließt er die Augen. Doch Sina stört seine Konzentration, indem sie nach ihm ruft. Als sich seine Augen öffnen, beugt sie sich zu ihm vor. Mit entschlossenem Blick.
„Du schaffst das, davon bin überzeugt.“
Worte, die er schon mal von seinen Lehrkräften hörte. Worte, die ihn damals nervöser machten. Aber nicht in diesem Fall. Sina befindet sich an seiner Seite und sie wird eingreifen, wenn er scheitert. Daher legt er seinen Fokus auf die eigentliche Aufgabe. Eine Blume. Da käme ihn ein passendes Exemplar in den Sinn. Denn die Iris, auch Schwertlilie genannt, steht für eine Freundschaft mit tiefem Vertrauen. Sie gedeiht an einem sonnigen Ort. Wärme und Licht brachte Sina in sein Leben. Daher fällt es ihm nicht schwer, sich ein violettes Exemplar vorzustellen. Eine Pflanze mit einem langen Stiel und Blättern so spitz wie Cunos Schwert. So wie Sinas Aussehen auffällig wirkt, so auch das der Blüte. Ein einzigartiger Aufbau aus sechs Blütenblättern. Angereiht als zwei Kreisen. Und jedes Blatt wird gefüllt mit Sorgen und negativen Sorgen. Beginnend mit jenem Tag, wo er Sina in den Händen eines Sklavenhändlers begegnete. Mit Zorn gegenüber der Gesellschaft, die den Sklavenhandel duldet und befürwortet. Menschen, die sich das Recht nehmen, Freiheit zu stehlen und über ein Leben zu entscheiden.
Der Krone treu ergeben– so Linus eisernes Kredo.
Keine Fragen, keine Zweifel. Akzeptanz auch gegenüber den Schattenseiten. Der junge Söldner täuschte Clive, um auf seine Gelegenheit zu warten und die Wünsche der Krone zu erfüllen. Er hätte Sina hingerichtet. Mit seinem Schwert. Linus sah in Sina nichts weiter als Unheil. Er gab ihr keine Chance, sich zu den Vorwürfen zu rechtfertige, hörte sie nur halbherzig an und glaubte fest an das Gesetz. Clive mochte Linus, doch mit Sinas Freiheit wurde er zum Feind und so starb er im Kampf gegen Cuno. Dabei war er ein guter Freund, den Clive schätzte. Trauer und Frust über diese Entwicklung gehören daher auf die Blüte.
Für Sina begann Clive Verrat an die Krone, aber kaum sprach er über seine Pläne, hinterging Sina ihn mit Schlafmohn, um die Flucht zu ergreifen. Sina glaubte, sie könne allein zurück in ihre Heimat finden und wollte niemand anderen in ihre Angelegenheit mithineinziehen. So ehrenhaft ihre Denkweise auch wahr, kränkte dieses Verhalten in ihn ungemein und er hätte sie auch ziehen gelassen. Denn einen freien Vogel wollte er nicht hinterherjagen, um ihn am Ende eine Fessel anzulegen. Doch Rebecca weigerte sich, Sinas Entscheidung hinzunehmen. Dank Rebecca verweilt Sina daher freiwillig bei ihnen. Und doch ist da diese kleine Kluft zwischen ihnen.
Der nächste Schicksalsschlag betrifft Luelas Ableben. Ihr Wahnsinn war nicht zu stoppen. Ihr Tod ließ sich nicht verhindern. Aber vielleicht auch nur, weil sich ihre Begegnung zu spät ereilte oder er sich nicht genug Mühe gab, ihr einen Weg aus der Dunkelheit zu ebnen. Vielleicht verstand er zu wenig von ihrem Schmerz, weil er zu wenig hinterfragte. Das Herz krampft fürchterlich mit dem Gedanken an den Ausgang. So wie der nächste Verlust einer weiteren Patientin.
Katharina. Die Tochter des Pferdebauers litt an Keuchhusten. Sie erstickte, obwohl sich Clive nur wenige Meter von ihr entfernt befand. Nur eine Tür weiter. Alles nur, weil er den Zorn der Hexenjäger mit Luelas Tod auf sich zog. Luela war die Beute der Hexenjäger und war zum Greifen nah. Ihr Zorn suchte Cuno und Clive heim. Katharina war in Clives Behandlung, daher war sie ein Lockvogel. Die Hexenjäger wollten das Kind erlösen, indem sie ihr Haus anzünden wollten. Clive kam, um dieses Übel zu verhindern und erhielt Unterstützung von Cuno. Sie kämpften erbittert, um am Ende festzustellen, dass Katharina der Krankheit unterlegen war. Clive hätte sie retten können, wäre er doch nur im richtigen Moment an ihrer Seite gewesen. Die Schuld fühlt sich kaum tragbar an. Zumal ihre Freundin Feline so viel Hoffnung in Clive setzte, um am Ende enttäuscht zu werden.
Ungefragt setzte sich Rebecca in die Kutsche, nachdem Clive aus der Stadt des Grafen fuhr. Sie schmuggelte sich einfach dazu und bereicherte die Gruppe mit einer außergewöhnlichen Freundschaft und ihren Fähigkeiten als Diebin. Nie zog sie sich feige zurück, sondern stellte sich jeder Gefahr. Ein jeder Gefährte genießt ihren Schutz und ihr offenes Ohr. Rebecca mag es verstecken, aber sie hat ein großes Herz und einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Sie in Gefangenschaft zu wissen, bereitet nicht nur Cuno Sorge. Auch Clive sehnt ihre Freiheit herbei. Umso wichtiger ist der Kontakt zu Jelko. Ein Ruheloser, der Clive ebenfalls beschäftigt. Denn statt sein Ableben zu akzeptieren, sucht Jelko nach einer Bestimmung. Ihm seinen Frieden zu bringen wurde ebenfalls zu einem Ziel, wie die Rettung der Manabestien in der Königsstadt, die zu Forschungszwecken genutzt werden. Auch den Zorn des Magisterturms und der Krone fürchtet Clive, auch wenn er zu seinen Taten steht.
Die Hexe Jenara treibt ebenfalls ihre Spielchen mit Clive. In Herzog Lysanders Beisein. Wie lange kann das gut gehen? Clive befürchtet, dass Jenara nicht begreift, was sie anrichten kann. Selten schafft es eine Person, ihm so oft die Fassung zu nehmen. Mit Jenara wird er sicherlich noch einige Schwierigkeiten haben und hoffen müssen, schnell Abstand zu der Eishexe zu gewinnen. Damit kommen eine Menge Sorgen und Probleme zusammen. Alle versammelt in der Blüte, die zu leuchten beginnt. Als entziehe sie ihm all die Giftigkeit in seinem Herzen, gewinnen die Blütenblätter an Größe und das Herz fühlt sich mit jedem weiteren Sekundentakt leichter an. Kaum lösen sich seine Finger von der Blume, segelt diese zu Boden und Clive fühlt sich bereit, das Ritual zu beginnen.








































































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