Kapitel 13
„Acht Ritter. Südlich zwei. Westlich vier. Östlich zwei und nördlich in den Hintergärten zwei.“
Dank der Geister in der Umgebung hat Sina den perfekten Überblick. Die ruhelosen Seelen verfallen ihrem Charme und Sina fällt es leicht, die paranormalen Bewohner auf der obersten Ebene zu beeinflussen.
Der Schelm blitzt durch Sinas Augen. „Soll ich den Orden ärgern?“
„Nein!“ Milan klingt streng. „Provoziere sie nicht. Sobald sie Verdacht schöpfen, stürmen sie das Haus.“
Selbst für Skyla ist der Geisterjäger unsichtbar. Agnars Fähigkeit ist wahrlich praktisch. Dabei kann sie sich gar nicht an Milan satt sehen. Um sie herum packen Thomas und Finn alles ordentlich zusammen. Auch Skyla darf helfen und kümmert sich um den Inhalt der Küchenschränke. Thomas will alles mitnehmen, was den Geisterjägern zu Gute kommt. Besonders an Lebensmittelvorräten, denn die Geisterjäger sind schlecht eingedeckt, wie sie jedes Mal aufs Neue feststellen muss. Ihr Treiben fällt dem Feind daher nicht auf, weil Sina eine weitere nützliche Fähigkeit besitzt. Illusionswände. Die Ritter sehen nur das, was sie sehen sollen. Da wird Skyla glatt neidisch. Sinas Kräfte hätten ihr viel Ärger ersparen können.
Gedankenverloren verharrt Skyla beim Einpacken einer Schüssel. Sina wirkt stärker als sie und demonstriert sich beherrschter und fröhlicher. Sie braucht keine langjährigen Verträge zur Geisterwelt, um sich zu schützen. Obwohl der Orden sie beschattet, lächelt die Reporterin und vergisst keine Tränen.
„Was ist los, Süße?“
Kaum tönt Milans Stimme, zuckt Skyla erschrocken zusammen. Ihre Augen suchen ihn vergebens, aber sein Duft und sein Klang verraten, dass er sich in der Nähe aufhalten muss. Völlig konfus sortiert sie ihre Gedanken und mitten drinnen meldet sich ihr Handy.
Lukas– ihr bester Freund meint es vielleicht nur gut und doch wirft er sich immer dazwischen, wenn es um Milan geht. Oft unbewusst.
„Willst du nicht rangehen?“ Skyla spürt eine flüchtige Berührung im Gesicht. Milan streichelt sie flüchtig an der Wange. „Oder habt ihr euch gestritten?“
Ihm zu gestehen, dass er mit seiner Vermutung richtig liegt, könnte dem Geisterjäger zu Kopf steigen, daher nimmt Skyla stumm den Anruf entgegen.
„Hey, wie sieht es bei meiner Tante aus, Lukas?“
„Nicht gut. Sie wird gerade ins Krankenhaus verlegt. Es ging sehr hektisch zu und Tessa fleht mich ununterbrochen an, dich hierher zu holen. Deine Cousine braucht dich. Verzeih mir, dass ich vor Ort keine Hilfe bin. Ich fahre mit deinem Onkel und Tessa jetzt gleich ins Krankenhaus. Deine Mutter weicht nicht von Marys Seite … hey!“
Ihm wird das Telefon aus der Hand gerissen und im nächsten Moment spricht ihre Cousine flehend zu ihr: „Skyla, ich brauche dich hier. Auch wenn deine Mutter dich nicht sehen will. Ich schaffe das nicht allein. Ich kann nicht in den Wagen steigen und hoffen, dass alles gut geht. Bitte halte mich, wenn der Boden unter meinen Füßen wegbricht.“
Tessas Stimme zittert stark. Sie unterdrückt es zu weinen und Skyla muss nicht mehr hören.
„Schick mir die Adresse und ich werde kommen.“
„Danke dir.“
„Was ist mit Ramona? Hast du sie schon angerufen?“
„Sie geht nicht ans Handy.“
Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wäre da nicht der Orden. Ramona zeigt sich meist verkatert oder im Drogenrausch. Sie ans Handy zu kriegen, besonders dann, wenn man eh wenig Sympathiepunkte bei ihr hat, grenzt an ein Wunder. Aber Ramona ist wie Tante Mary schwanger. Schon sehr verrückt, wenn ihr ungeborener Cousin gleichalt sein wird wie ihr Neffe oder ihre Nichte.
„Mach dir keinen Kopf. Ihr geht es sicherlich gut und sie ist mal wieder zu beschäftigt. Ich kläre das kurz und mache mich sofort auf den Weg okay?“
„Ja. Danke dir.“
Milans Hand legt sich stärkend auf ihren Rücken. Er verfolgte das Gespräch aus nächster Nähe und Skyla rechnet mit Einwürfen, aber der Geisterjäger überrascht sie.
„Geh ruhig. Ich kümmere mich um euren Umzug.“
„Danke, Milan.“
Sie spürt seine Lippen auf ihrer Wange und seine Hand legt sich um ihre Hüfte. Nur kurz drückt er sie an sich. Damit gibt er ihr Kraft für die kommenden Prüfungen. Seine Wärme und Liebe geht auf ihr über und lässt sie hoffen.
Kaum löst sich Milan von ihr, schreitet Skyla zur Tat und sucht ihren alten Herrn auf. Ihr Vater befindet sich oben im Gästezimmer und arbeitet fleißig. Es stapeln sich am Rand bereits mehrere Kartons. Systematisch sortiert und beschriftet. Ein System erlernt durch die Arbeit. Stark fokussiert bemerkt er seine Tochter nicht einmal.
„Papa?“ Ihre Stimme lässt ihn zusammenschrecken. Entschuldigend lächelt sie ihm entgegen. Zu kurz, denn das Thema ist ernst. Daher fallen ihre Mundwinkel im gleichen Moment hinab. „Ich muss gehen. Tessa braucht mich. Sie ist am Boden zerstört und kurz vor einem Nervenzusammenbruch.“
Er blinzelt und richtet die Brille gerade. Mit Sorge in den Augen. „Wie geht es Mary denn?“
„Sie wird ins Krankenhaus gebracht. Tessa schickt mir die Adresse. Kommt ihr ohne mich klar?“
Das Sorgenmeer auf seiner Stirn entgeht ihr nicht. Sicherlich hat er seine Bedenken.
„Ich verlasse mich darauf, dass du Tessa stützt. Geh aber bitte deiner Mutter aus dem Weg. Streitet nicht unnötig. Kannst du mir das versprechen?“
„Natürlich.“
„Und halte mich bitte über Tante Marys Zustand auf dem Laufenden.“
Auch ihr Vater klingt sichtlich besorgt. Er blickt, als wolle er selbst direkt losfahren, um bei seiner Schwester zu sein. Skyla wünschte, dass es ihm möglich wäre und sie den Umzug schmeißt. Aber Tessas Bitte steht dazwischen.
„Natürlich, Papa. Bitte verzeih, dass ich euch nun verlasse.“
Aber ihr Vater schüttelt verständnisvoll den Kopf und kontert: „Ich habe mich für deine Mutter zu entschuldigen. Du bist unsere Tochter und in Zeiten der Not sollten wir zusammenhalten. Sei dir sicher, dass ich dich niemals verstoßen werde. Es mag keine Entschuldigung sein, aber ich denke, deine Mutter ist geprägt durch die Vergangenheit. Nicht umsonst war sie bei meinen ersten Treffen sehr still und leer. Tante Mary half ihr durch schwierige Zeiten und schenkte ihr die Lebensfreude zurück. Deine Mutter muss wahnsinnig besorgt um ihre Herzensdame sein. Sie will ihre Freundin nur schützen und in bester Gesundheit wissen. Wir beide wissen doch zu gut, dass Kacie wie eine Löwin kämpft und brüllt, wenn es um ihre Liebsten gilt. Ich hoffe, deine Mutter kommt schnell zur Vernunft und bereut ihr Verhalten dir gegenüber.“
Hoffnung keimt in Vater Finn. So klein sie auch sein mag. Skyla wünscht sich so sehr, der Frieden im Eigenheim kehrt zurück. Nur hegt sie große Zweifel daran. Die Träume ihres alten Herrn zu zermürben ist nicht ihre Absicht, daher äußert sie sich nicht dazu und nickt stattdessen schwermütig.
„Bitte entschuldige mich nun, Papa. Tessa wartet auf mich.“
Eilig schreitet sie hinaus. Direkt in die Arme von Thomas. Sein Lächeln und die Umarmung zum Abschied lassen den Verdacht keimen, er habe gelauscht.
„Pass auf dich. Steckst du in Schwierigkeiten, dann ruf mich sofort an. Soll ich dir ein Taxi rufen?“
„Nicht nötig. Ihr habt den Geisterjäger zu eurem Schutz, daher begleite ich Skyla“, meldet sich Sina im Hintergrund.
„Damit würde dein Zauber aber verschwinden oder? Ich meine die Illusionsmagie?“, erkundigt sich Skyla besorgt.
Der Sonnenschein schüttelt erheitert den Kopf. „Nope. Meine Magie hält ewig.“
Ihre Freundin zweifelt diese Aussage stark an und doch will sie sich die Mitfahrgelegenheit nicht entgehen lassen. Daher winkt sie Sina zu sich und die beiden Damen zögern keine Sekunde, um aufzubrechen.
Auf dem gesamten Hinweg fehlt vom Orden jeder Spur und doch fühlt es sich an, als werden sie von allen Seiten beobachtet. Die Autofahrt nutzt Sina, um mehr über Skylas Familie und Tante Marys Schwangerschaft zu erfahren. Sie benimmt sich wie ein Hund, der eine Witterung aufgenommen hat. Eine Story, die erzählt werden kann. Aber Skyla hält sich mit Informationsausgabe zurück. Ohne irgendein Einverständnis seitens Tessas Familie schweigt sie über einige Dinge. Sina scheint dies nicht zu stören, stattdessen macht es den Anschein, als suche Sina das Gespräch zu ihrer Tante und ihrem Onkel.
Die Enttäuschung über Skylas gleichgültige Reaktion über den Nachwuchs ist Sina ins Gesicht geschrieben. Aber über das heranwachsende Baby hat Skyla bislang wenig Gedanken verschwendet. Für sie gab es andere Prioritäten. Außerdem war Tessa bislang das abschreckende Beispiel. Tante Marys und Onkel Hendrik kleiner Teufelsbraten. Eine kleine, verwöhnte Prinzessin, die es faustdick hinter den Ohren hat und nur mit der Familie spielt. Wieso sollte Tessas Geschwisterchen besser werden? Auch wenn die angespannte Stimmung zwischen ihr und ihrer Cousine sich gebessert hat, wird Skyla all die Demütigungen nie vergessen. Es gab Tage, da wollte Skyla nicht mal mehr aus dem Bett heraus, weil Tessas bissigen Kommentar ihr den Boden unter den Füßen nahm. Und doch eilt sie los, um diesem Menschen in schwierigen Zeiten beizustehen. Nie hat Skyla geglaubt, dass sie für Tessa alles stehen und liegen lässt. Vielleicht liegt es an den prägenden Worten ihrer Oma: „Die Familie hält immer zusammen. Egal, was passiert!“
Ob Skyla jemals mit der Vergangenheit abschließen kann und Tessa irgendwann ganz verzeihen wird?






























































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