Kapitel 14
Die Parkanlage des Krankenhauses zeigt Struktur und wird selbst im Winter zum Augenschmaus. Gepflasterte Wege und kleine Tunnel führen an klein angelegten Hügeln und Ruheoasen vorbei. Die Bänke wirken so altmodisch, womit diese das Gefühl geben, in die Vergangenheit gereist zu sein. Auf dem gesamten Gelände findet Skyla keine Vermüllung vor.
„Im Frühling muss es hier traumhaft sein“, spricht Skyla ihren Gedanken laut aus, während ihr Blick neugierig umherschweift und jedes Detail gierig einfängt.
Sina beugt sich interessiert vor. „Sieh an, hat das Konzept vom Kräutergarten auf dich abgefärbt? Ich hörte, dass bei euch im Restaurant das Küchenpersonal auch Gartenarbeit tätigt.“
„Selbstverständlich. Wir säen und ernten. Alles, was bei uns auf den Teller kommt, haben wir größtenteils großgezogen und mit Liebe gepflegt.“
„Das ist wunderbar.“
Sinas Interesse scheint ehrlich zu sein. Nur Skylas Stimmung trübt, schließlich kehrt sie zum Kräutergarten nicht mehr zurück. Dabei hat sie ihren Arbeitsplatz sehr lieb gewonnen.
Hastige Schritte wecken ihre Aufmerksamkeit. Skyla hebt den Kopf und schüttelt die dunkle Wolke von sich ab. Sie wappnet sich auf eine Konfrontation mit dem Orden, dabei stürmt Tessa heran. Verwirrt hält Skyla inne und blickt umher, nach einer Person, die ihre Cousine ansteuern könnte. Aber zur Abwechslung wirft sich Tessa an sie und drückt sie feste zur Begrüßung. Völlig konfus lässt Skyla diesen Moment über sich ergehen und sucht in Gedanken nach möglichen Erklärungen für dieses seltsame Verhalten. Tessa ist sonst nie so herzlich.
„Wieso bist du so steif, Skyla?“
Ihre Cousine ergreift ihre Schultern und drückt sie auf ein wenig Abstand. Mit tadelndem Blick.
„Ähm…“
Mehr bekommt Skyla nicht aus sich heraus. Sie muss träumen! Irgendetwas läuft hier total verkehrt.
„Sina?“ Lukas stößt dazu und blinzelt überrascht. „Was machst du hier?“
„Seelischen Beistand leisten“, behauptet die Reporterin felsenfest.
Aber Skyla schnaubt erbost. „Schwachsinn! Du flüchtest nur vor Mason!“
Die Reporterin dreht sich mit ein gespielt liebliches Lächeln um, bevor ihr Ausdruck dunkler wird.
„Und wer hat mir dieses Unheil mitgebracht? Mason ist dein Problem, aber du hast mich damit einfach reingezogen!“
Das wird Sina ihr anscheinend immer vorwerfen. Doch nun ist sie fehl am Platz, daher winkt Skyla.
„Danke fürs Bringen, aber du kannst nun verduften, Sina.“
Aber der Albino schwingt mit einem Lächeln den Finger durch die Luft. „Mich wirst du nicht los. Denn ich wittere eine Story. Du musst Tessa sein, nehme ich an.“
Mit durchgestreckten Rücken und erhobenen Kinn dreht sich Tessa um. Das wallende Haar peitscht Skyla dabei in Gesicht. Verärgert tritt Skyla zur Seite. An die Seite ihres Kindheitsfreundes. Respektvoll stellt sich Tessa vor und beginnt gekonnt mit ihrem Smalltalk, was sich Skyla kaum anhören kann und sich wegdreht. Dabei fällt ihr auf, wie Lukas sie ansieht. Er wirkt in Gedanken und doch liegt sein sorgenvoller Blick auf ihr. Vielleicht ist er in der Lage, das große Mysterium zu klären. Reflexartig schnappt Skyla zu, bevor er auf die Idee kommt, einfach zu verduften. Ganz langsam schiebt sie ihn in den Hintergrund. Fern von Tessa und Sina.
Starr vor Schreck sucht Lukas den Blickkontakt. Sein Herz schlägt verdächtig schnell.
„Du weißt was oder? Sag, was ist plötzlich Tessa gefahren?“
„Ist es so schwer zu glauben, dass sie dich gerade braucht?“
Er nimmt sich die Frechheit und streicht eine Strähne aus ihrem Gesicht hinter ihr Ohr. Ganz sanft und mit einem verträumten Lächeln. Für gewöhnlich würde Skyla diese Vertrautheit zu ihm nicht stören, bis er ihr seine Gefühle gestand. Seine Hand legt sich gerade auf ihre Wange, da schiebt sie diese reflexartig fort. Seine Wärme hingegen verbleibt. Auch wenn es nur eine kurze Berührung war. Die Enttäuschung und der innere Frust zeigen sich in seinen Augen. Verlegen wendet er den Blick auf und atmet hörbar laut auf. Er benimmt sich, als habe sie ihn verstoßen und sie hört sein Herz weinen. Flehend flüstert sie seinen Namen, als er sich von ihr wegdreht und sein halbes Gesicht hinter seine Hand versteckt.
„Nicht“, bittet er sie hörbar frustriert und streckt seinen Arm aus, um sie auf Abstand zu halten, „ich brauche Zeit, um deine gewünschte Distanz zu akzeptieren.“
Ein gemeiner Schachzug! Lukas weiß, wie er ihr schlechtes Gewissen bereitet. Verzweifelt dreht sich Skyla von ihm fern und atmet tief durch. Ihr Herz blutet, als drohe das Aus ihrer Freundschaft. Ein Gedanke, den sie kaum akzeptieren will.
Flasche Hoffnung keimt in Skyla auf, als ihr Arm feste umfasst wird und sich jemand an sie drückt. Doch statt Lukas sucht Tessa die Nähe zu ihr.
„Meine Mutter musste notoperiert werden. Ich hielt das Geflenne meines Vaters nicht mehr aus und brauchte frische Luft. Aber ich sollte nicht zu lange weg sein, daher bitte ich dich, begleite mich.“
„Natürlich. Aber wie kam es zu dem Ganzen? Tante Mary war doch munter.“
Während Skyla den Kopf zu ihrer Cousine dreht, beobachtet sie aus dem Augenwinkel, wie sich Sina um Lukas kümmert. Daher lässt sie sich fortführen von ihrer Cousine. Mit einem ganz schlechten Gefühl im Bauch. Bezüglich Lukas und ihrer Tante. Der Turm an Problemen hat bereits eine beachtliche Größe erhalten. Die Stabilität lässt zu wünschen übrig. Schon bald sieht sich Skyla unter dem Mauerwerk begraben. In den Trümmern ihrer Probleme.
Kaum befinden sich die beiden Mädels im Gebäude, berichtet Tessa: „Angefangen hat es mit einer einfachen Erkältung. Es wirkte harmlos, aber die Symptome wurden immer schlimmer. Sie hat über mehrere Tage starkes Fieber und ich war auch schon mit ihr beim Arzt. Dieser kündigte bereits den Besuch im Krankenhaus an, wenn sich die Lage nicht verbessert. Kaum angekommen zeigte sich, dass die Lage ernst wird. Aus der Erkältung entwickelte sich eine schwerwiegende Lungenentzündung und eine Sepsis. Es bliebe keine Zeit mehr und mein Vater wurde vor die Wahl gestellt.“
Tessas Stimme zittert genauso stark wie ihr restlicher Körper. Die schwarzhaarige Schönheit wird ganz bleich und der Blick verliert an Fokus.
„Was ist eine Sepsis?“, erkundigt sich Skyla beunruhigt.
„Eine Blutvergiftung.“
Tessas Antwort klingt wahrlich beunruhigend. Skyla schluckt schwer und traut sich kaum zu fragen. Dennoch fasst sie sich ans Herz.
„Du sagtest, dein Vater wurde vor die Wahl gestellt. Was genau meinst du damit?“
Schweigend tritt Tessa in den Aufzug und lässt den Kopf hängen. Ihr Finger verharrt vor dem Knopf, aber rührt sich kein Stück. Daher übernimmt Skyla dies für ihre Cousine.
„Die Überlebenschancen sind nicht gerade hoch. Mutter und Kind werden es nicht gleichzeitig schaffen.“
Ungläubig schüttelt Skyla ihren Kopf. Tante Mary ist der Sonnenschein der Familie. Eine gutherzige und starke Frau. Sie oder ihren Nachwuchs zu verlieren wird ein derber Rückschlag für die Familie.
„Die Ärzte schaffen das schon“, belügt sich Skyla selbst.
Aber Tessa scheint ihr die Verzweiflung ebenfalls anzusehen. Sie schüttelt traurig den Kopf und kämpft damit, Tränen zurückzuhalten. Skyla blickt umher. Niemand befindet sich im Aufzug, daher greift sie zu einer verzweifelten Maßnahme.
„Kai! Ein Pakt! Meinetwegen mache ich einen Deal mit dem Teufel, aber rettet Tante Mary und ihr Kind!“
Tessas Verwirrung ist das Letzte, was Skyla zu sehen bekommt, als plötzlich der Strom ausfällt und der Aufzug ruckartig stoppt. Skyla kämpft bereits mit ihrem Gleichgewicht, während ihre Cousine sich an sie wirft.
„Oh Gott! Was passiert hier?“, kreischt Tessa ihr ins Ohr.
Die rotglühenden Sichelaugen in der Dunkelheit stammen sicherlich von Kai. Daran zweifelt Skyla nicht. Ihr Schutzgeist spielt sich auf, aber sie fürchtet ihn nicht. Sondern mehr die abklingende Zeit.
„Kai! Schluss mit dem Schauspiel und beeil dich! Deinetwegen gehen Tante Mary und ihr Baby noch drauf!“
Vor ihren Füßen entzündet sich ein Kerzenkreis. Tatsächlich hockt dort unten der Stoffbär und pustet ein Streichholz auf. Das teuflische Grinsen hält ihr erneut vor Augen, dass dieses Ding eigentlich eine Höllenbrut ist, die sie gern unterschätzt.
„Ich bedaure, Eure Tante ist fort, aber das Herz ihrer Brut schlägt noch.“
Die Augen werden schmal, der Zorn flammt in Skyla gerade auf. Tante Mary ist eine herzensgute Frau und wie der Dämon abfällig über sie spricht, treibt ihr die Galle hinauf. Aber inmitten der Säure bricht die Kapsel und die markerschütternde Botschaft sickert in ihr Bewusstsein. Skyla entgleiten die Gesichtszüge.
„Lügner!“, wirft sie ihn erbost an den Kopf, „Tante Mary ist eine Kämpferin! So eine Erkältung steckt sie gut weg!“
Ihr Dämon seufzt laut. Skyla taumelt rückwärts, als der kleine Bär mitfühlend hinaufblickt. Ein kurzes Kopfschütteln soll ihr anscheinend signalisieren, dass er sich über solch ein Thema keinen Spaß gönnen würde. Nicht bei ihr.
Die Aufzugswand fängt Skyla ab. Tessa mag ihr zwar gefolgt sein, hält aber Abstand. Skylas Beine knicken ein und das Medium rutscht die Wand hinab zu Boden. Ihr Herz wird schwer wie Blei. Warme Tränen rieseln hinab und vor ihrem inneren Auge sieht Skyla ihre Tante in einem ihrer schönsten Momente. Freundlich, besonnen und mit einem festen Stand im Leben. Singend auf der Bühne. Begleitet vom starken Applaus. Tessa wispert Skylas Namen ständig, aber ihre Cousine fühlt sich nicht in der Lage, darauf zu reagieren. Sie braucht einen Moment, um die Botschaft zu verarbeiten. Kai tritt aus dem Kerzenkreis und läuft in ihre Richtung. Seine Bärenpfoten ergreifen ihre Hände und drücken diese sanft.
„Den Buben kann ich retten, wenn es Euer Wunsch ist. Aber auch er kämpft.“
„Und der Preis?“
Sämtliches Mitgefühl platzt wie eine Seifenblase. Kais Augen lodern wie das Höllenfeuer. Er entblößt seine spitzen Zähne in dem diabolischen Grinsen. Aber noch ehe er einen Laut machen kann, trampelt ihn ein Fuß zu Boden. Eine große Gestalt verlagert ihr Gewicht auf den Bären, sodass sich dieser nicht rühren kann. Skyla will ihrem Schutzgeist gerade zur Rettung eilen, da fallen ihr Tempelblumen in den Schoß.
„Deine Dankbarkeit in Form von Anerkennung wird es dich kosten, meine kleine Blume. Ich rette das Baby, sofern du mir versprichst, nie wieder einen Dämon um einen Pakt zu bitten.“
„Dalika.“ Mit einem Ruck befindet sich Skyla auf den Beinen und fällt ihren Nang Tani vor Dankbarkeit um den Hals. „Willkommen zurück.“
Ihr Duft nach den Blüten hilft Skyla, um sich zu sammeln. Behutsam umarmt Dalika sie. Ein Wiedersehen, worauf Skyla sehnsüchtig gewartet hat.
„Meine Mutter.“ Tessa tritt ehrfürchtig heran. „Was ist mit ihr?“
„Tote sollten nicht geweckt werden. Die arme Frau hat lange gekämpft und flehte, dass ihr Kind gerettet wird. Schenkt ihr den Frieden, den sie verdient“, bittet Dalika sie ganz sanft.
„Du kannst sie retten oder? Dann flehe ich dich an!“, gibt sich Tessa nicht geschlagen.
Aber der Nang Tani schüttelt den Kopf. Die Dunkelheit mag ihre Gestalt verbergen, aber Skyla spürt die leichte Anspannung in Dalika.
„Kai ist dazu nicht in der Lage und ich werde nicht mal daran denken. Zwinge ich die Seele zurück in ihren Körper, verfällt nicht nur das Fleisch sondern auch die Energie. Am Anfang werdet ihr euch über ihre Gesellschaft erfreuen, aber mit jedem weiteren Tag ändert sich dies schlagartig. Behaltet sie als starke und glückliche Frau im Herzen. Ersetzt sie nicht durch etwas Totes und Böses.“
Argumente, die Skyla überzeugen. Nur ihre Cousine nicht. Tessa wimmert laut und schüttelt sich.
„Nein! Ich will meine Mutter zurück!“
Ruckartig löst sich Skyla von Dalika, um ihrer Cousine Trost zu spenden. Tessa wehrt sich am Anfang und windet sich in Skyla Griff, aber ein paar Anläufe später und sie weint sich bei Skyla aus. Noch nie fühlte sich das Medium ihr so verbunden. Es passiert selten, dass die stolze Prinzessin ihren Gefühlen freien Lauf gibt und vor anderen Tränen vergießt. Umso wichtiger ist es für Skyla, zu ihrer Stütze zu werden. Was auch kommt, die Familie hält zusammen!































































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