05. Ein Ausflug

Die Straße schlängelte sich an der senkrecht ins Meer abfallenden Felswand entlang. Blickte man aus dem Busfenster, sah man tief unter sich Wellen gegen den blank gewaschenen Stein schlagen. Das Wasser der Bucht leuchtete in reinstem Türkis.

Weiter draußen allerdings lag ein kompakter Dunstvorhang bleischwer auf der See. Das Gebilde erinnerte an ein gigantisches Nachtgespenst, das sich aus dem Meer erhoben hatte – mitten am Tag. Immer wieder verschwand während der kurvenreichen Fahrt die Sonne darin, mutierte zu einem diffusen Lichtfleck, der von Brechungen in allen Regenbogenfarben umringt war.

Meine Mitreisenden beachteten das Phänomen nicht weiter, ich war als Einziger beunruhigt. Dabei wusste ich doch, dass es von der besonderen Wetterlage herrührte. Der Hotelportier hatte es mir vorhin erklärt, auch im Reiseführer konnte man darüber lesen: Eine spezielle, temporär auftretende Luftströmung, die Sandmassen aus der Sahara übers Mittelmeer bis hierher transportierte. Mit dem Sand kam die Hitze Afrikas, und tatsächlich zeigte das Thermometer bereits jetzt, am Vormittag, fast 40 Grad Celsius. Schlimmstenfalls hielt dieses schwülheiße Wetter mehrere Wochen an, aber wir würden wohl glimpflich davonkommen: Laut Vorhersage stand ein Gewitter bevor, bereits morgen sollten die Temperaturen wieder auf das gewohnte Maß absinken. Was immer noch mehr als genug war.

Pausenlos kamen uns auf der engen Küstenstraße Baufahrzeuge entgegen, Betonmischer, Tieflader, Sattelschlepper. Sie schienen sämtlichen Platz zu beanspruchen, die Kolosse, aber der Busfahrer ließ sich durch ihren Anblick nie aus der Ruhe bringen. Stoisch setzte er zurück, fuhr wieder vor, kurbelte das Lenkrad wie ein Schiffsruder und versuchte, sein Vehikel am anderen Fahrzeug vorbei zu bugsieren. Obwohl uns diese Manöver immer wieder gefährlich nahe an den Abgrund brachten, wollte keine Angst aufkommen, weder bei mir noch bei den anderen Fahrgästen: Zu abgeklärt und südländisch entspannt wirkte dieses kleine, runde, stoppelbärtige Männchen da vorn am Steuer, mit ihm konnte einfach nichts schiefgehen.

Nach gut zwanzigminütiger Fahrt öffnete sich hinter einer Kurve der Blick aufs Nachbartal. Es war noch weitläufiger als das von Plage d’Aiola, trotzdem hatte man auch hier alles mit Ferienarchitektur zugepflastert, regelrecht verfüllt. Bis weit ins Landesinnere folgte Hotelbunker auf Hotelbunker, reihte sich Ferienvilla an Ferienvilla. Ungefähr in der Mitte dieses Gebäudeteppichs ragte die Kuppel einer Kirche im Renaissance-Stil empor – wohl der Versuch, etwas wie Authentizität herzustellen, der leider in Disney-World geendet hatte. Der Gipfel an Künstlichkeit jedoch war ein Golfplatz, dessen leuchtend-grüner, vor Frische strotzender Rasen der brutalen Sonne Hohn sprach. Es bedurfte diverser Wasserfontänen, um das absurde Gebilde am Leben zu erhalten. Und noch immer wurde überall eifrig gewerkelt, man sah offene Gruben, Bagger, Planierraupen. Ein Wald von Kränen ragte in den Himmel, Baufahrzeuge verließen in endloser Folge den Ort und quälten sich die Küstenstraße hoch – daher also der lebhafte Gegenverkehr während der Fahrt.



Wenn man sehr konzentriert suchte, fand man irgendwann auch das ursprüngliche Porto d’Arreccio, zusammengedrängt auf einem Flecken zwischen Meer und Steilwand. Ganz hinten schoben sich die weiß getünchten Häuser ein Stück den Fels hoch. Zwischen dem alten Städtchen und dem Neubauareal griff eine Steinmole weit ins Meer hinaus und ließ ein Hafenbecken entstehen. Schneeweiße Segelboote dümpelten dort neben mondänen Motorjachten im seichten Wasser. Fischkutter dagegen sah man bloß wenige; überhaupt trat der alte Ort kaum in Erscheinung neben den sterilen Neubauten, die sich wie eine großflächige, pilzartige Wucherung über das Tal breiteten.

Je näher man ihr kam, desto stärker erinnerte diese neu errichtete Siedlung an eine Filmkulisse oder ein zu groß geratenes Modell aus Pappmaché. Gerade dieses Artifizielle, Fassadenhafte jedoch erschien mir seltsam vertraut, wie ich plötzlich mit Unbehagen feststellte. Es fühlte sich ein bisschen so an, als würde ich nach Hause zurückkehren…

Die Bremsen quietschten jammervoll, als der Bus ins Tal hinabrollte. Zum Lärm gesellte sich bald ein Geruch nach verbranntem Gummi. Wir passierten die ersten, in der Sonne glühenden Häuser, erreichten schließlich eine zentrale Station und hielten. Beim Aussteigen schien es, als würde man vom Luftstrom eines gigantischen Föns erfasst, so sehr hatte es sich in der Zwischenzeit aufgeheizt. Ich flüchtete unter eine Gruppe Dattelpalmen, griff nach der Wasserflasche und ließ das rettende Nass in mich hineinlaufen. Währenddessen lenkte unser Fahrer seinen Bus auf einen benachbarten Parkplatz und stellte ihn dort ab, neben anderen Vehikeln, die ähnlich hinfällig aussahen wie seines. Dann trottete er zu seinen Kollegen, die im Schatten eines Kiosks zusammenstanden und palaverten.

Ich studierte den Rückfahrplan: Der letzte Bus fuhr erst um Mitternacht nach Plage d’Aiola zurück, also konnte ich mir Zeit lassen mit meiner Besichtigungstour. Auf dem Weg hinunter zum Wasser versuchte ich im Schatten zu bleiben, was nicht so einfach war, denn inzwischen stand die Sonne fast im Zenit. Wenn sie mich traf, schien meine Haut unter ihrer Hitze regelrecht zu versengen.

Endlich kam ich zum Hafen. Pittoreske, blumengeschmückte Arkaden säumten die Piers; überall gab es Weinlokale, Restaurants, kleine Hotels. Zwischen den malerischen Fischerhäusern öffneten sich schattige, gepflasterte Gassen, die gemäß den Wegweisern zum historischen Ortskern hochliefen. Allerdings wurde das Altstadt-Idyll zu seiner Rechten jäh abgeschnitten durch die neu errichtete Siedlung: Hier begann eine schmucklos graue Betonpromenade, auf einmal war man umgeben von Souvenirläden, Ramschboutiquen und Schnellimbissen, aus allen Richtungen schallte einem der übliche Ferienpop entgegen. Trotz der Hitze wälzten sich Menschenmassen über den Asphalt, drängelnd, quasselnd, gierig in den Auslagen der Geschäfte wühlend, permanent auf der Suche nach Schnäppchen, Zerstreuung, Amüsement.



Schon wollte ich kehrt machen, wieder in die Altstadt flüchten, als mir eine freie Sitzbank ins Auge fiel, die zufällig auch noch im Schatten der Ladenmarkisen stand. Weshalb nicht dort warten, bis die Hitze etwas abgenommen hatte, derweil den Proviant vertilgen und ein bisschen gucken? Anschließend blieb noch immer genügend Zeit, um den Ort zu erkunden und – vor allem – der Aussichtsplattform einen Besuch abzustatten. Diese war gemäß dem Reiseführer oberhalb der Altstadt in die Felswand geschlagen und sollte einen imposanten Blick über die Bucht bieten. Vermutlich würde es dort oben brechend voll sein, aber wenn man schon mal hier war…

Ich schnallte den Rucksack ab, ließ mich erleichtert auf die Sitzfläche fallen und holte den Proviant hervor. Während meiner Brotzeit ging das Treiben ringsherum unvermindert weiter, verstärkte sich sogar noch. Aber ich ließ mich davon nicht mehr stören; meine Bank schien wie ein Ruhepol, eine Oase inmitten trostloser Wüste.

Unterhalb der Promenade war ein schmaler Sandstreifen aufgeschüttet, den man kaum Strand nennen konnte. Kleine Wellen spülten hier kraftlos heran, im flachen Wasser plantschten Kinder. Menschliche Körper auf Handtüchern boten sich der Sonnenglut dar. Manche Teints zeigten intensive Brauntöne, andere leuchteten in Krebsrot. Auch ein paar Weißlinge waren dabei, deren Urlaub wahrscheinlich gerade erst begonnen hatte. Die offene See war weit weg, jenseits der Mole, die hinter den ankernden Segel- und Motoryachten verlief und das Hafenbecken mitsamt dem Badestrand vor den Wellen schützte.

Einige der Sonnenanbeter lagen so reglos im Sand, dass man sich unwillkürlich fragte, ob sie noch lebten. Warum taten die Leute sich diese Qualen an? Wurden sie durch eine Art Konditionierung gesteuert, die da hieß: Urlaub gleich Strand gleich Sonnenbaden, egal bei welchen Temperaturen? Und weshalb kamen sie ausgerechnet hierher? Wir befanden uns auf einer Insel, die Küste war endlos und sicherlich gab es diverse natürliche Badestellen. Sie aber zogen diese künstliche Bucht vor, die das Meer beleidigte, es zu einem Swimmingpool, einem armseligen Salzwassertümpel degradierte. Wozu verbrachten überhaupt Touristen ihren Urlaub an Orten wie Plage d’Aiola oder Porto d’Arreccio, wenn sie doch die Welt haben konnten in all ihrer Schönheit und Ursprünglichkeit?



Und ich selbst? Warum war ich hier? Ich hatte mein altes Leben komplett aufgegeben, um neu anzufangen – und jetzt saß ich auf dieser Bank. War ich besser als die anderen Feriengäste? Auch mich zog es offensichtlich in die typischen Touristensiedlungen vom Reißbrett, die garantiert überall gleich aussahen – und es ja auch sollten. Was unterschied mich von all den normierten Gestalten ringsum, deren Urlaub auf billigen Promenaden und an künstlichen Stränden stattfand? Die niemals jene obligatorischen Bahnen verließen, die andere für sie vorgestanzt hatten?

Die Einsicht traf mich wie ein Schlag in die Magengrube; ich japste nach Luft, ein galliger Geschmack lag mir plötzlich auf der Zunge. Ich dachte an die Busfahrt zurück, jenes irritierende Gefühl von Vertrautheit, als das Tal von Porto d’Arreccio mitsamt seinen sterilen Kästen aufgetaucht war. Dieser monotone, seelenlose Ort – ähnelte er nicht auf erschreckende Weise meiner Heimatstadt? Spiegelte er nicht meine eigene Vergangenheit wider, meine Kindheit und Jugend?

Ich hatte sehr lange nicht an diesen Teil meines Lebens zurückgedacht, dessen Trostlosigkeit mir mittlerweile als zutiefst fremd und verstörend erschien. Aber nun kehrten sie unvermittelt zurück, die alten Bilder, stiegen empor aus dem Dunkel des Vergessens, Erinnerungen an Familie und Schule, die ehemaligen Freunde… immer stärker wurde der Strom, immer zwingender. Als wäre plötzlich ein innerer Damm gebrochen, den ich vor langer Zeit errichtet hatte, in der irrigen Annahme, er hielte ewig…

„Stadt“ konnte man es im Grunde gar nicht nennen, das Gebilde, in dem ich aufgewachsen war. Vielmehr handelte es sich um ein Konglomerat aus diversen Siedlungen, Dörfern und sonstigen Gebäudeansammlungen, die man unter einem Kunstnamen zusammengefasst hatte. Als zusätzlicher Klebstoff diente ein rasch hochgezogenes, gesichtsloses, rein funktionales Zentrum – und fertig war die Stadt aus der Retorte. Weshalb verbrachte man freiwillig sein Leben an einem trostlosen Flecken wie diesem? Man hatte Arbeit in einem der großen Industriebetriebe, die hier angesiedelt waren, dem Stahlwerk, dem Autobauer, dem Hersteller für Schienenfahrzeuge, oder einem der zahlreichen Zulieferer. Eine gut bezahlte Anstellung, von der man nach Lage der Dinge hoffen durfte, sie bis zur Pensionierung zu behalten, selbstverständlich mit stetig steigenden Bezügen. Sich jederzeit gut versorgt zu wissen, den Wohlstand laufend mehren und derweil die Zeit mit Konsum totschlagen – dies war das allgemeine Lebensmodell. Also kaufte man. Häuser, schwere Familienkutschen, hochpreisige Fernseher und andere, vermeintlich unverzichtbare Elektrogeräte. Machte Urlaub in fernen Weltgegenden, widmete sich mitunter kostspieligen Hobbys, trieb aufwändigen Sport, hielt sich Haustiere. Und bekam Kinder.



Mir hatte es damals an nichts gemangelt. Als kleiner Junge besaß ich alles Spielzeug, das eine Kinderseele sich nur wünschen konnte. Für den Fußballverein wurde mir jedes Jahr eine neue, teure Torwart-Ausstattung gekauft. Wenn ich in der Schule den Anschluss zu verlieren drohte, erhielt ich umgehend private Nachhilfestunden. Mein Vater war Prokurist in der örtlichen Niederlassung einer großen Maschinenbau-Firma, meine Mutter hatte früher ebenfalls dort gearbeitet, als Sekretärin, aber seit meiner Geburt blieb sie zu Hause. Als Einzelkind durfte ich mir der steten Aufmerksamkeit meiner Eltern sicher sein, im Gegenzug wurde lediglich verlangt, dass ich funktionierte. Mich einordnete und die geforderte Leistung ablieferte, in der Schule, beim Sport, im täglichen Leben. Es war derselbe unausgesprochene Deal wie in allen Familien: Die Kinder mussten ihren Anteil beisteuern zum positiven Gesamteindruck, den man der Außenwelt bieten wollte, dafür ließen die Eltern uns jede notwendige Förderung zukommen.

Irgendetwas Wesentliches schien in diesem Konstrukt jedoch zu fehlen; immer blieb diese seltsame Lücke, dieses Schwarze Loch…

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